
„Jetzt sind wir da, und schlagen ein wie eine Bombe“. Genregewöhnlich pompöse Worte in den Zungen von Hollywood „s Finest“ Hank (Soziopath) und Favorite (Harlekin, Anarcho). Seit dem 6. des Monats ist das Kollabo-Album „Schläge für Hiphop“ ausschließlich im Selfmade-Store und nur in limitierter Auflage zu haben. Der Snuffrap in Deutsch, den Tod und abgesonderte Lebensstile verarbeitend und vornehmlich in München und Stuttgart beheimatet, brachte meiner Erfahrung nach besonders in den letzten Jahren einige der sprachlich wie technisch begabtesten Künstler der Branche hervor. Schläge für Hiphop reiht sich wie auch die beiden Einzelpersönlichkeiten Hank und Fave nahtlos in dieses „Schema X“ ein. Man könnte dem Album vorwerfen, die Eloquenz und die Geilheit der Doppelreime, der makellose Flow auch auf komplexere, rawe Beats ginge unter der Fäkalität und auch der Agression unter. Ginge ohne weiteres, ist aber meiner Empfindung nach kein Problem. Nach Außen hin mag das „Klitsch Klatsch“, „Anti Alles“ und der stellenweise eklatante Minimalismus wie total verblödetes Gestammel wirken, aber sobald man sich etwas in die Materie eingefühlt hat, entdeckt man zunächst einen Funken und schließlich eine ganze Faust voller Kunst und vorallem Kraft mit Sarkasmus gegenüber sich selbst und allem Anderen. Blaublütigkeit und Konservativismus in der Kunst in allen Ehren, aber auch wenn die Art von Brutalität, die die Beiden hier verbal praktizieren eine komplett abgeschottete eigene Welt ist, muss man sie innerhalb des Deutschraps in jedem Fall als künstlerische Größe wahrnehmen – die nichtmal beansprucht, eine Form davon zu sein. In Tracks wie „Sozialphobie“ oder „Verstehen Sie Spaß“ steckt weit mehr anarchisches Herumgetanze als konkrete Gesellschaftskritik, das ist keine Frage. Aber gerade diese Diversität der Ausdrucksform ist das schöne an diesem Ohrentrommeln und Pauschalnihilismus: Die Kraft dahinter. Als Musiker braucht man nicht zuletzt schauspielerisches Talent, das vorallem Hank, der Favorite in einigen Tracks maßgeblich die Schau stielt, stark zur Geltung bringen kann. Man will ihm die Rolle als bierflaschenschwingender Poltergeist mit urbösem Grinsen und einem Hang zur Nekrophilie gerne abkaufen. Mit dem insgesamt beinahe noch stärkeren Soloalbum „Soziopath“ hat er die Qualität gezeigt, die er jetzt hält. Favorite spielt gewissermaßen eine Nebenrolle, zieht das Album aber in seiner Gesamtheit nicht runter und ergänzt Hank um seine noch lockerere, genretypische Art.
Als Gesamtwerk ist Schläge für Hiphop sicherlich ein Highlight des Jahres und sollte sich einmal der bisher vergleichsweise geringe kommerzielle Erfolg einstellen, haben die Beiden zusammen mit einigen ähnlichen Rappern diesen redlich verdient. Wenngleich sich das natürlich aufgrund fehlender gesellschaftlicher Akzeptanz als unmöglich erweisen könnte.

In Zeiten, in denen Tammy Wynette nur zwei Minuten lang „Stand by your man“ aus dem Unterkiefer sprudeln lassen musste, um die Menschen glücklich zu machen, muss die Gesellschaft wirklich noch Qualität gehabt haben. Heute gibt Uwe Boll Livechatunterredungen für seine Fans – Jetzt wirds persönlich: Cineastendiskurs von und für geistig zurückgebliebene Mittvierziger – skipullitragende Pseudopsychoesoteriker werfen den letzten Steuerschein dafür ins Feuer, mit Aliens in Kontakt treten zu können – wir haben das Geld, denn wir sind ja bekanntlich Deutschland (und nebenbei auch der Papst) – während Thomas Gottschalk sich vor einem verschneiten Fenster eben diese Fernsehdekadenz bejammernd im Kreis dreht und im nächsten dahinsabbelnden Moment nicht mehr besser ist als das, worüber er sich beschwert. Der Amerikanische, an Blasphemie grenzende Mediengigantismus ist längst Stilsache geworden („Obama puppy will be a shelter dog!“). Aber wie schnell Deutschland dem eigentlich nachgeeifert hat, wurde mir erst in den letzten Wochen enorm bewusst. Ich will mir beileibe keinen Priesterkittel anziehen. In Kenia hat kein Schwein was zu Essen, während Radioteleskope live im Siebten Nachrichten zu entfernten Planeten schicken. Scheiß drauf, wozu gibts schließlich die freie Marktwirtschaft? Ich muss mir weder Roger Whittaker noch die Hochzeitsnacht des aktuellsten Prominentenpaars anschauen. Aber wenn ich im Supermarkt in Glamourzeitschriften und billigen Revolverblättern ersaufe, während zwei ältere, korpulente Frauen mit rot gefärbten, hochtupierten Haaren in tiefstem Bauernbayrisch an der Kasse über die Iu-Äs-Ehläckschns-Toosausnd-Eet unterhalten und dabei eine gefühlte viertel Stunde brauchen, dann wünsche ich mir eine Schubkarre voll Ziegelsteine. Das verliert langsam sowohl an Händen als auch an Füßen. Und ohne die fliegen wir kulturell ganz schnell auf die (bemerkenswert gutgeschminkte) Fresse. Dass wir das tun, ist nur eine Frage der Zeit, aber wenn, dann bitte in Würde.
Ein CSU-Bundestagsabgeordneter namens Ernst Hinsken hat es tatsächlich zustande gebracht, ausgerechnet eine 40.000-Menschen-Vorstadt wie Straubing für einen Tag zum Mittelpunkt der Nation zu machen, wenn Angela Merkel und Nicolas Sarkozy am 9. des Monats ein politisches Dinner for Two betagen. Weltgeschen vor Ort – so etwas kennt der Straubinger schon seit den Römern nicht mehr richtig. Dementsprechend groß ist auch sowohl die Verwirrung als auch die Spannung.
Oder: Torgedanken. Autobiografisches Gedankenmaterial.