Archiv für die Kategorie ‘Musik’

Hiphop Vier: Apokalypse Jetzt

Juni 23, 2009

Ihr alle werdet Zeuge sein / Es kommt das Ende aller Heuchelei / Hörst du die Engel laut im Freudenschrei / Wenn all die Sterne aus den Wolken fallen

Das Ende der Deutschraputopie wird von Hiob aka Hieronymous aka V-Mann und Morlockk Dilemma tatsächlich nicht nur mit einem Tusch, sondern mit einer mit Drogen und Kalaschnikows beladenen Cruise Missile direkt auf den Erdkern eingeläutet. Das Album, angetrieben von B-Movie Trackskits und den Hässlichkeiten des Alltags, führt innerhalb der Snuff Pro Welt endgültig jedwede Werte ad absurdum. Und trotz des kürzlichen Labelwechsels zu Spokenview Records verstehen sie sich nach wie vor auf die selbe Leitlinie: Tod aller Oberfläche und allem robotischen, auf in die Apokalypse.

Als ich in Manifest feat. Dj Pro-Zeiko zum ersten mal wieder „Snuff Pro Motherfucker“ hören durfte, war mir klar dass Apokalypse Jetzt der letzten Collabo zwischen den Beiden, Hang zur Dramatik, das Wasser reichen können würde. Die größtenteils selbst produzierten Beats sind gewohnt abgedreht und in Tracks wie Goethe feat. Abztrakkt oder Robespierre wird man sich bewusst, dass das Album trotz obligatorischen Battleparts für sich steht im Musikbrei. Obwohl manche melancholischere Melodeien sich nicht ganz mit der Ekstatik vereinen lassen, die der Rest des Albums versprüht und sich auch nicht zu hundert Prozent mit den Lyriks vermengt wie es bei dem feierlichen Macheten 2wei feat. Ruffkid der Fall ist, trägt auch Mutter der Huren oder Müde Augen zum Gesamtwerk bei, wenn sie auch nicht so viel Spaß machen. Wo die Welt im Track Apokalypse Jetzt beginnt unterzugehen, bleibt das Album über das Bild im Kopf, der Leipziger Dilemma und der Berliner Hiob besängen tatsächlich den Untergang des Globus. Nachdem im Outro Karl Denkes oder Unterwegers Namen zum Besten gegeben werden, scheint es als wäre zwar der erste Meteorschauer vorbei, aber die planetare Dampfwalze komme erst – „Unsere Aufgabe ist beinahe beendet“. Der eine oder andere mag vielleicht nicht auf die verzerrten Stimmlagen klarkommen, das Gekaue Hiobs oder die gestoßenen Lines von Dilemma, aber gerade dieser absurde Kontrast zieht für mich nur eine Linie durch den harten Inhalt im makaber-obskuren Gesamtwerk.

Ich muss meine Pranke auf Erkundungspfad schicken / bis die Lungenpartikel / meinen Unterarm schmücken

Die Features reihen sich, vielleicht bis auf Asek nahtlos in die Qualität ein. Mit Abztrakkt und Ruffkid sind zwei Künstler auf der Platte, die mit der selben verbalen Fulminanz gegen alles Lebende vorgehen wie Hiob und Morlockk. „Kurz angebunden wie ein Neugeborenes“ waren sie jedenfalls nicht – Neunzehn Tracks laden beim Verkünden des Ragnaröks zu einem Tanz ums letzte Feuer ein. Das lyrische Niveau ist dabei, und das muss man, wenn man Omnipotenz in D-Moll, Fragmente oder Hang zur Dramatik gehört hat auch erwarten, auf einem wahnsinnigen Niveau. Vorallem Morlockk, der Hiob zwar nie auf den Kopf Spucken kann, aber auf dem Album doch eine Nuance größer herauskommt hat seine Wucht aus dem Nachtrag seines letzten Soloalbums tatsächlich beibehalten und es scheint ihn immer noch in den Fingern zu jucken. Wenn man das bisherige Werk des Snuff Pro-Manifests als Schlag ins Gesicht des deutschen Raps bezeichnet, ist Apokalypse Jetzt der dazugehörige Tritt in die Nüsse.

Ich feierte ihn bereits in Regensburg, ich werde Beide in Pouch feiern und wenn das Unikat zum bunten Schmarmützel bittet werde ich vielleicht wieder zu der einzigen Gruppe gehören, die nicht nur bei den Hooks mitmacht. Aber das zählt nicht halb soviel wie die gemeinsame Freude am Untergang.

Die Apokalypse bleibt abzuwarten

Juni 17, 2009

Ich freue mich das erste mal seit meiner Kindheit wieder auf eine echte Platte zum anfassen und bookletlesen und das hiesige Internetz gönnt es mir nicht. Die hochwohlgeborenen Rapvielfraße und Untergangsfanatiker Morlockk Dilemma und Hiob erhoben sich kürzlich zu einem prophetischen Trommelwirbel, als sie ihr vielgetrailertes Album Apokalypse Jetzt verkündeten. Der zugehörige Tusch bleibt für mich trotzdem aus. Prerelease verschoben? Ausverkauft? Sind sie jetzt schon auf Pouch und schwechen sich die Plattenbauleber aus dem Unterleib? Ich beschwöre meinen Briefkasten. Und sättige diesen weißen Block mit Apokalypse, wenn es so weit ist.

Fühlt mir nach oder nicht, aber ich war schon immer ein Fan von Untergangsszenarien.

Exkursion Hiphop Drei: Schläge für Hiphop

Dezember 20, 2008

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„Jetzt sind wir da, und schlagen ein wie eine Bombe“. Genregewöhnlich pompöse Worte in den Zungen von Hollywood „s Finest“ Hank (Soziopath) und Favorite (Harlekin, Anarcho). Seit dem 6. des Monats ist das Kollabo-Album „Schläge für Hiphop“ ausschließlich im Selfmade-Store und nur in limitierter Auflage zu haben. Der Snuffrap in Deutsch, den Tod und abgesonderte Lebensstile verarbeitend und vornehmlich in München und Stuttgart beheimatet, brachte meiner Erfahrung nach besonders in den letzten Jahren einige der sprachlich wie technisch begabtesten Künstler der Branche hervor. Schläge für Hiphop reiht sich wie auch die beiden Einzelpersönlichkeiten Hank und Fave nahtlos in dieses „Schema X“ ein. Man könnte dem Album vorwerfen, die Eloquenz und die Geilheit der Doppelreime, der makellose Flow auch auf komplexere, rawe Beats ginge unter der Fäkalität und auch der Agression unter. Ginge ohne weiteres, ist aber meiner Empfindung nach kein Problem. Nach Außen hin mag das „Klitsch Klatsch“, „Anti Alles“ und der stellenweise eklatante Minimalismus wie total verblödetes Gestammel wirken, aber sobald man sich etwas in die Materie eingefühlt hat, entdeckt man zunächst einen Funken und schließlich eine ganze Faust voller Kunst und vorallem Kraft mit Sarkasmus gegenüber sich selbst und allem Anderen. Blaublütigkeit und Konservativismus in der Kunst in allen Ehren, aber auch wenn die Art von Brutalität, die die Beiden hier verbal praktizieren eine komplett abgeschottete eigene Welt ist, muss man sie innerhalb des Deutschraps in jedem Fall als künstlerische Größe wahrnehmen – die nichtmal beansprucht, eine Form davon zu sein. In Tracks wie „Sozialphobie“ oder „Verstehen Sie Spaß“ steckt weit mehr anarchisches Herumgetanze als konkrete Gesellschaftskritik, das ist keine Frage. Aber gerade diese Diversität der Ausdrucksform ist das schöne an diesem Ohrentrommeln und Pauschalnihilismus: Die Kraft dahinter. Als Musiker braucht man nicht zuletzt schauspielerisches Talent, das vorallem Hank, der Favorite in einigen Tracks maßgeblich die Schau stielt, stark zur Geltung bringen kann. Man will ihm die Rolle als bierflaschenschwingender Poltergeist mit urbösem Grinsen und einem Hang zur Nekrophilie gerne abkaufen. Mit dem insgesamt beinahe noch stärkeren  Soloalbum „Soziopath“ hat er die Qualität gezeigt, die er jetzt hält. Favorite spielt gewissermaßen eine Nebenrolle, zieht das Album aber in seiner Gesamtheit nicht runter und ergänzt Hank um seine noch lockerere, genretypische Art.
Als Gesamtwerk ist Schläge für Hiphop sicherlich ein Highlight des Jahres und sollte sich einmal der bisher vergleichsweise geringe kommerzielle Erfolg einstellen, haben die Beiden zusammen mit einigen ähnlichen Rappern diesen redlich verdient. Wenngleich sich das natürlich aufgrund fehlender gesellschaftlicher Akzeptanz als unmöglich erweisen könnte.