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Ohne Hand und Fuß

November 21, 2008

fus2handIn Zeiten, in denen Tammy Wynette nur zwei Minuten lang „Stand by your man“ aus dem Unterkiefer sprudeln lassen musste, um die Menschen glücklich zu machen, muss die Gesellschaft wirklich noch Qualität gehabt haben. Heute gibt Uwe Boll Livechatunterredungen für seine Fans – Jetzt wirds persönlich: Cineastendiskurs von und für geistig zurückgebliebene Mittvierziger – skipullitragende Pseudopsychoesoteriker werfen den letzten Steuerschein dafür ins Feuer, mit Aliens in Kontakt treten zu können – wir haben das Geld, denn wir sind ja bekanntlich Deutschland (und nebenbei auch der Papst) – während Thomas Gottschalk sich vor einem verschneiten Fenster eben diese Fernsehdekadenz bejammernd im Kreis dreht und im nächsten dahinsabbelnden Moment nicht mehr besser ist als das, worüber er sich beschwert. Der Amerikanische, an Blasphemie grenzende Mediengigantismus ist längst Stilsache geworden („Obama puppy will be a shelter dog!“). Aber wie schnell Deutschland dem eigentlich nachgeeifert hat, wurde mir erst in den letzten Wochen enorm bewusst. Ich will mir beileibe keinen Priesterkittel anziehen. In Kenia hat kein Schwein was zu Essen, während Radioteleskope live im Siebten Nachrichten zu entfernten Planeten schicken. Scheiß drauf, wozu gibts schließlich die freie Marktwirtschaft? Ich muss mir weder Roger Whittaker noch die Hochzeitsnacht des aktuellsten Prominentenpaars anschauen. Aber wenn ich im Supermarkt in Glamourzeitschriften und billigen Revolverblättern ersaufe, während zwei ältere, korpulente Frauen mit rot gefärbten, hochtupierten Haaren in tiefstem Bauernbayrisch an der Kasse über die Iu-Äs-Ehläckschns-Toosausnd-Eet unterhalten und dabei eine gefühlte viertel Stunde brauchen, dann wünsche ich mir eine Schubkarre voll Ziegelsteine. Das verliert langsam sowohl an Händen als auch an Füßen. Und ohne die fliegen wir kulturell ganz schnell auf die (bemerkenswert gutgeschminkte) Fresse. Dass wir das tun, ist nur eine Frage der Zeit, aber wenn, dann bitte in Würde.