Zwei Auge in Auge
Ihre Arena stinkt von Tür zu Tür
die Kacheln staubig
von Zigaretten
Willst du meine Nähmaschine sehen? – Der eine
Zwischen ihnen Wolken von Bier und Kälte
Wie eine Kühlkammer mit Schweinehälften
Die Gefäße platzen
und schließlich wurde der andere
mit zwölf Stichen genäht
Archiv für die Kategorie ‘Geschichten’
Gladiatoren
Juli 22, 2009Selbstvernichtungsfanatiker
Juni 22, 2009Meine Schlange hat rote Finger
sagte er
und sie holten ihn von der Couch
und legten ihn auf eine Tragbahre
und trugen ihn die 25 Stufen runter
und seine Frau schlug die Beine
übereinander (man konnte fast
ihre magische Box sehen) und
machte sich eine Zigarette an
und sagte
Ich kann einfach nicht verstehen
was in ihn gefahren ist
und ich verpaßte ihr eine Ohrfeige
daß die Zigarette auf den Teppich flog
wie ein Splitter vom Mars
und folgte der Tragbahre
nach unten.
Charles Bukowski
Ein bisschen Menschen
November 27, 2008Grübeln über die Dogmatik von Bierwahrheiten, aber Whiskeyabstinenz. Neoatheismus gegen Pfaffe mit Sonnenbrille – die Welt zieht zwangsweise den Kürzeren. Kartoffelphilosophen unter jedem Stein. Und was hab ich damit zu tun? Hingebungsvolle Kopfanarchie, ja, Schreibblockade: Manchmal, aber nicht mit mir. Die Treppen rauf, zudröhnen. Treppen runter, einsteigen, weiterfahren und wieder am Fuß der Treppe stehen. Zu spleenig zum Leben, zu selten zum sterben. Kunstpreis für Blasphemie. Nutten werden dafür bezahlt, sich selbst zu schlagen, Leichenschau wird zur Abendschule und brennende Radkappen fahren der Morgensonne entgegen. Die anderen gehen in die Sonntagsmesse. Alles eine Frage des Glaubens. Therapiebälle für die Welt. Kunst in Leben, Tod und Schnürsenkelbinderei. Können wir noch drüber lachen? Sind wir noch ein bisschen Menschen? Wenn du mich fragst. Hol den Whiskey.
Aus den Memoiren des J. Fightestörks
Juni 27, 2008Der Sinn des Lebens
Private Auftzeichnung, Juli 1998
»Man kann sein Leben lang lernen und arbeiten und hat am Ende doch nichts erreicht.« sagte mir eine gute Freundin einmal. Diese Aussage zu glauben ist eine Grundsatzentscheidung. Tut man es, ist man ein Träumer oder ein Draufgänger. Friedrich Schiller träumte sein Leben lang von dem ewigen Weiterleben im Geist seiner Werke. Grundsätzlich scheint ihm das durchaus gelungen zu sein. Aber ob Zweihundert Jahre später in unseren Schädeln immer noch der selbe Schiller am Schreibtisch sitzt und verfaulte Äpfel anstarrt wie der damals Lebende, ist eine andere Frage. Träumer findet man überall in der hohen Kunst Dinge zu erschaffen, die andere Menschen empfangen und dann damit machen, was sie eben so damit tun. Sehen, hören, anfassen, damit leben, an ein Kreuz nageln… Menschen formen alles zu einem Kunstwerk, auch sich selbst. Und Nietzsche tut das sogar mit unserer ganzen Gattung. Draufgänger, liebevoll auch Nihilisten, findet man auf beliebigen Parkbänken, aber auch in der nächsten Universität oder im Bundestag. Denn so wirklich mag keiner mehr an die Tugend des reinen Handelns als letzte Sinnlösung glauben. Das konnte man uns weis machen, als wir noch Stahlstangen benutzten, um uns gegenseitig umzubringen. Aber der Mensch ist gewieft und Heute taugt dazu eine vollautomatische Feuerwaffe. Er steht eine Stufe höher bei Gott, und trotzdem versteht er noch immer nicht, was er denn nun mit der Zeit anfangen soll, die ihm auf der Erde geschenkt wurde. Denn mehr als nur die grobe Andeutung eines Sinnes erfahren wir nicht, auch nicht wenn wir glauben unsere Bestimmung in der Welt oder gar eine ganz eigene Welt gefunden zu haben. Was bleibt ist ein fahler Beigeschmack von Depression und Sinnlosigkeit, in etwa so als würde man jetzt noch in Schillers Apfel beißen. Wir denken zu viel und doch gleichsam zu wenig, wenn man bedenkt was die Weltgeschichte an Komödien zu bieten hat. Hat Hamlet den Sinn des Lebens entdeckt, war es Darwin oder vielleicht doch Arthur Dent? Hätte man Jesus Christus oder Mahomet den Propheten fragen sollen und hätten sie eine Antwort gewusst? Möglicherweise kennt eine hawaiianische Haushälterin die Antwort, backt Kekse und lacht sich den ganzen Tag über die Hilflosigkeit der Menschheit schlapp. Irgendwann wird sie alt und nachdem sie genug gelacht hat, schreibt sie alles für die Nachwelt auf. Danach verwertet jemand das Papier wieder und möglicherweise wurde damit diese Seite gedruckt. Möglicherweise ist unser Lebenssinn aber auch viel zu komplexer Natur, um ihn mit einem Gehirn wie dem unseren verstehen zu können. Mutierte Elefanten oder selbstreproduktive Supercomputer wären angesagt. Oder, und das muss zum wesentlichen Amusement Gottes beigetragen haben: Es gibt gar keinen Sinn. Wir könnten infolge eines kosmischen Unfalls entstanden sein oder wir sind ein Exkrement des reinen mathematischen Zufalls.
Die fadenscheinige Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest ist wie ein Weltmeistertitel – nie länger als ein paar Jahre beständig. Es zerbrachen Generationen von Dickköpfen an ihr und nie war das Ergebnis endgültig. Und solang das so ist, gebe ich der Welt folgende Antwort:
Der Sinn des Lebens ist,
(unleserliche Schrift)
Wahlkampf
Juni 16, 2008
Es sind Wahlen unter dem Meeresspiegel und nur die ältesten und stärksten Tiere kandidieren. Ein gewaltiger Buckelwal, der kategorische Imperativ, besteigt die Rednerbühne. »Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde!«, dröhnt seine Stimme aus dem Bart hervor. »Das ist der Imperativ des Lebens! Wir alle hier – und ich meine wirklich alle – können ein gleichsam schönes und gerechtes Leben führen, wenn wir diesen Grundsatz beachten. Es steht für die Freiheit jedes Einzelnen, dass wir uns alle den gleichen Respekt erweisen und nebeneinander existieren: Nur das Essen, was wir brauchen und uns fortpflanzen, wie es unserer Art bedarf. Nicht mehr, und nicht weniger. Lasst uns einen Schritt für ein leibhaftig gerechtes Zusammenleben im Meer tun. Für die Vernunft und für das Leben!« Als der kategorische Imperativ endet, schwimmt sich ein offensichtlich sehr alter und behäbiger Blauwal seinen Weg zur Bühne frei. Er nimmt Platz und räuspert sich.
»Guten Tag, ich bin der Egoismus. Dankesehr.«
Neue Ode an Gottes Würfelei
April 25, 2008Was sagt uns die Wahrscheinlichkeit? Alles ist wahrscheinlich. Dementsprechend ist aber auch alles unwahrscheinlich, nachdem es unendlich viele Möglichkeiten von Ereignissen gibt. Das bedeutet wir, das heißt die Menschen, können alles berechnen, ohne auch nur ein sinnvolles Ergebnis zu erhalten. Natürlich haben wir Muster. Ein Apfel fällt auf den Kopf des Physikers. Er fällt, weil Äpfel das so an sich haben. Der Apfel, gerade das einzige aufregende Erlebnis seines Daseins durchlaufend, fällt und trifft anschließend einen fürchterlich ungünstigen Nerv auf der Schädeldecke des Physikers. Dieser taumelt, bricht über seiner neuen Ausgabe der „Principia“ zusammen und liegt fortan den Rest seines Lebens im Koma aufgrund eines Hirntraumas. Zugegeben, das ist durchaus unwahrscheinlich, aber möglich. Auch der Zufall ist nicht immer gerecht, obwohl er im großen und ganzen wohl das Gerechteste der Welt ist. Schließlich dürften nach der ziemlich langen Zeit, in der schon Etwas existiert, ziemlich viele Zufälle passiert sein. So viele, dass der Durchschnitt aller Ereignisse weder gut noch schlecht gewesen sein kann. Da hätten wir zum Beispiel den wahrscheinlich größten Zufall in der Geschichte der Existenz: Die Entstehung des Universums. Materie taucht aus dem Nichts auf. Es sei mal dahingestellt, ob nun eine Explosion, ein Mann mit grauem Rauschebart oder ein fliegendes Nudelmonster die Ursache war. Jedenfalls ist es ein ziemlicher Zufall, dass gerade das einzig existierende – oder eben nichtexistierende Ding überhaupt auf die Idee kam, mal eben Alles zu erschaffen. Denn ich stelle es mir nicht gerade rosig vor, für alle Ewigkeiten von irgendwelchen Galaxien und anderen quirligen Objekten umgeben zu sein. Noch viel weniger Sinn macht es wohl, im Sein auch noch Leben zu erschaffen. Leben, das nichts vom Sein begreift und sich, wenn es dazu fähig ist wie im Falle der Menschen, mit der Frage herumschlagen muss, warum denn überhaupt etwas existiert. Doch trotz dieser Unsinnigkeit und entgegen aller Wahrscheinlichkeiten ist es passiert. Schließlich, nachdem das Leben sich aus irgend einem Grund entschloß, sich fortzupflanzen und nicht ganz vier Milliarden Jahre später auf dem Planeten Erde die erste Generation Homo Sapiens zu bilden, fing das Dilemma wahrscheinlich an. Gerade hüpften wir noch von Baum zu Baum, schon entdecken wir beinahe jeden Fleck der Erde, erfinden tausende von Mittel um unser Leben zu verlängern und hocken den lieben langen Tag in Hörsälen oder auf Baustellen um es auszukosten. Nebenbei rotten wir hunderttausende Tierarten aus, streiten uns darüber Was man tun darf und Was nicht und bekriegen uns anschließend. Eigentlich eine aufregendes Leben für eine so junge Spezies. Wir scheinen zumindest hier auf der Erde die wohl erfolgreichste Art von Lebewesen zu sein. Und trotz dieses erheblichen Erfolgs und all der Mühen gelingt es uns nicht, das Wetter korrekt vorherzusagen oder zu bestimmen, warum der Physiker sich genau unter diesen Baum setzt. Der Zufall ist am Ende möglicherweise das unergründlichste Wunder der Welt. So gesehen ist es durchaus ein Wunder, dass wir nicht alle ans Schicksal glauben.
Das Stockholm-Syndrom, Kurzgeschichte
April 23, 2008Heinrich und Hannes
Dezember 27, 2007 Der Friedhof im Heimatdorf der beiden dahingeschiedenen Herren Heinrich Hagenström und Hannes Haffelhoss birgt eine kleine, aber sonderbare Seltsamkeit. Natürlich sind Heinrich und Hannes auf genau diesem Friedhof begraben und natürlich hat diese Seltsamkeit mit den beiden zu tun. Es gibt dort nämlich einen einzelnen Grabstein, unter dem zwei Leichen begraben sind. Es gab ein wenig Gezeter von der Verwaltung und auch ein wenig vom Pfarrer, aber schließlich konnte eine Junge Frau durchsetzen, dass die beiden Freunde doch zusammen begraben werden, so wie sie es zu Lebzeiten gewünscht hatten. Tragischerweise starb auch diese wenige Jahre später, und wurde ganz in der Nähe unter ihrem eigenen Grabstein niedergelassen. Heinrich und Hannes teilten Alles. Nicht nur ihre Initialien, auch all ihr Hab und Gut. Sie kannten sich von Kindesbeinen an, wuchsen zusammen auf und wussten, wie viel eine beste Freundschaft wert war. Sie stritten sich nie, bis zu ihrem Tod. Sie hatten eine gemeinsame Mietwohung in einem hübschen, ehemaligen Freimaurerhaus, fuhren jeden Morgen mit den selben hellblauen Krawatten zur selben Arbeitsstelle bei einem Paketlieferanten in der nächstgelegenen Stadt und aßen zusammen zu Abend. Sie gingen nie mit jemand anderem Essen als miteinander und teilten den Preis immer durch Zwei, auch wenn der Hunger vom einen größer gewesen war. Das taten sie sogar mit dem Trinkgeld. Sie teilten wirklich Alles. In der Wohnung stand nur ein paar Hausschuhe, weil je einer jeden Abend mit Kochen beschäftigt war, während die Füße des Anderen im Wohnzimmer ohnehin gewärmt waren. Mit dem Einkaufen wechselten sie sich auch ab. Wenn einer von beiden mal nicht zur Arbeit erschien, stand der Andere für ihn bei ihrem schnauzbärtigen Boss für ihn gerade. Sie ließen sich vom selben Frisör die Haare in demselben Scheitelschnitt zurechtmachen und saßen danach wie Seniorinnen vor einer aufgeschlagenen Zeitung nebeneinander. Sie teilten sich einen Nachttisch, sie teilten sich die Unterwäsche, ja manchmal teilten sie sich sogar eine Betthälfte. Sie waren wie ein glückliches Männerehepaar und wären auch bis ans Ende ihrer Tage ein Solches geblieben, wäre da nicht, wie sollte es auch anders sein, eine Frau aufgetaucht. Sie hieß Isabelle und hatte schulterlanges, mattschwarzes Haar, große Brüste und kreideweiße Haut, sie arbeitete auch beim Paketdienst. Sie standen beide fürchterlich auf sie. Und so begab es sich einige Zeit darauf, dass sie sich Heinrich und Hannes im Sprechzimmer eines Allgemeinarztes wiederfanden, mit einem positiven HIV-Test in der Hand.
Denn natürlich haben sie alles geteilt.
Johannes Fightestörk
November 21, 2007
Das hier ist Herr Fightestörk. In seiner Kindheit verspeiste er sehr gern Janssons Festelse von seiner Mutter und las ein wenig schwedische Märchengeschichten. Weißbrot aß er nur mit Frischkäse und die Kühlschranktür ließ er chronisch offen. Er wurde schnell ein junger Mann und war schon in der Grundschule immer Klassensprecher gewesen. Er machte einen nichtmal schlechten mittleren Schulabschluss und hatte schließlich eine Geschäftsidee mit Schuhen. Schuhe braucht schließlich Jedermann überall, fast wie Taschentücher oder Brillen. Allerdings stellte sich das als Schicksalsschlag heraus, nachdem er die Schuhsohlen ungleich hoch angefertigt hatte und in eine Sammelklage wegen Rückenproblemen verwickelt war. Die Frau, mit der er seit drei Jahren verheiratet war, hielt ihm aber trotz Schulden die Stange und zog mit ihm in den norden Deutschlands, wo er zuerst Mitarbeiter einer Partnervermittlung namens „Schmetterling“ war. Die Arbeit quittierte er aber nach ein paar Wochen wegen schlechter Bezahlung und weil sie ihm nicht männlich genug war. In seiner dreihundertfünfzig Mark teuren Zweieinhalbzimmer-Wohnung ließ er die Kühlschranktür natürlich immer offen und seine Frau musste sie zumachen. Heimlich klaute sie ihm als Rache seinen Zigarettentabak, in der Wohnung durfte sowieso nicht geraucht werden. Herr Fightestörk war aber ein ehrgeiziger Mann und schaffte es nach ein paar Jahren als Schreibkraft und Manager einer Deutschrockgruppe namens „Die Schafe“, deren Sänger sein Jugendfreund Thomas war, eine geräumigere Wohnung zu mieten, in der er sogar rauchen durfte. Er hatte selbst Spaß an der Musik gefunden und kaufte sich ein Schlagzeug, mit dem er in der Garage üben musste. Die Band feierte ein paar kleine Erfolge und trat auf einem Benefizkonzert auf dem Stadtplatz auf, wo es einen Stand mit Janssons Festelse gab, der eigentlich garnicht püriert war. Ein paar Sommer später kam der Gitarrist der Band, sein Spitzname war Sex Pistol, auf die grandiose Idee sich einen lang ersparten Tropenurlaub zu gönnen und holte sich die Gelbsucht. Herr Fightestörk hatte zwar Erfahrung mit dem Schlagzeug, konnte aber keine Gitarre spielen und ein Ersatzmann ließ sich nicht finden, weswegen sich die Gruppe kaum später auflöste. Fightestörk fühlte sich in den Mittvierzigern und mit zwei Töchtern sowieso zu alt um ein Rockstar zu werden. Also versuchte er es erneut mit Schuhen, was seiner Frau garnicht gefiel. Aber es klappte, nachdem er seinen Chef überredet hatte ein paar Arbeitslose für einen netten Stundenlohn draußen als menschliche Schilder stehen zu lassen. Er verdiente anständig und war sich sicher, seine Mutter wäre stolz auf ihn gewesen.
Ein paar Jahre später tat er gut daran, sein Testament verfrüht auf seine Frau und seine erstgeborene Tochter zu schreiben, weil er sich eines durchzechten Abends auf ungeklärte Weise in den Kühlschrank einsperrte und erstickte.
Auf seinem Grabstein in Stockholm steht nur „Johannes Fightestörk“.