Archiv für die Kategorie ‘Filme’

Filmjahr 2008

Januar 9, 2009

films1Das Vergangene war vielleicht nicht gerade ein Kinojahr, das man als Purist loben würde. Als Cineast vielleicht auch nicht. Aber als reiner Filmliebhaber kann man ein oder zwei Augen zudrücken und ihm den ein oder anderen persönlichen Oskar anerkennen. Manchmal musste man aber auch einfach nur kotzen. Wobei ich gründsätzlich keine Schätzungen für die Academy Awards abgeben mag – die einen Verleihungen sind ohnehin von jedem abschätzbar, die anderen verlaufen sowieso nie wie ich mir das vorstelle. Deswegen nehme ich auch Filme hinzu, deren Originalfassung Ende 2007 erschien. Ich muss zugeben, auch einige von den eher stärker geschätzten Filmen noch nicht gesehen zu haben, so zum Beispiel Frost/Nixon, Burn After Reading oder Waltz with Bashir. Das soll mich aber jetzt nicht davon abhalten, kurz auf die Senftube zu drücken.

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Protest ist…

Oktober 22, 2008

Regisseur Uli Edel und Produzent Bernd Eichinger wagen sich nach zahlreichen Verfilmungen erneut an das Thema „RAF“ und befördern in ihrem Drama den Schrecken des Terrors in einer nie da gewesenen Intensität auf die Leinwand. „Der Baader Meinhof Komplex“ ist gewissenhafte Aufarbeitung deutscher Geschichte, welche endlich mit der mystifizierten Revolutionsromantik vergangener Produktionen bricht und ein blutiges, zugleich aber auch realistisches Bild des RAF-Terrors zeichnet.

Seit Jahren nicht nur die budgetträchtigste, sondern auch wohl interessanteste deutsche Verfilmung: „Der Baader-Meinhof Komplex“. Und das auch noch mit einem Thema, das an (ehemaliger) Kontroversität und Heikelkeit in Deutschland kaum zu übertreffen ist. Nach dem Kinobesuch stellt sich bei diesem sicherlich nicht zu unterschätzenden Streifen die Frage: Ist es nur eine zeitgeschichtliche Portraitierung, oder ist es bereits mehr? Stellt man die filmischen Höhen (Spannungsbogen und Schnitt, schauspielerische Leistungen, Kraft der Bilder, Authentizität) und Tiefen (Überlänge, Score, Schwerpunktsetzung) in Zusammenhang mit der Geschichte, ergibt sich etwas, das mir nach mehr aussieht als nur einer nüchternen, halbkünstlerischen Dokumentation der Geschichte dieser ersten Generation der Roten Armee Fraktion. Andreas Baader – wunderbar cholerisch von Moritz Bleibtreu, Martina Gedeck als Ulrike Meinhof (mit einer bewegenden charakterdramaturgischen Darstellung) und Gudrun Ensslin, von Johanna Wokalek dargestellt (linksextremistisch vernarrt und ebenso intensiv wie die Figur des Baaders) – das sind die zentralen Figuren des Baader-Meinhof Komplexes. Und trotz der nüchternen Art des Films, oder auch gerade deswegen, wird er vielleicht emotionaler als gedacht, das Interesse am politischen Geschehen, das eh nur bruchstückhaft abgehandelt wird, rückt schnell in den Hintergrund und spätestens nach Beginn der Verhandlungen wird die Psyche der Charaktere umso anziehender. Daneben aber wühlt die Thematik – und dazu hätte es natürlich nicht noch einen Film über die RAF gebraucht – ein viel allgemeineres und tiefer verwurzeltes Problem auf. Die ständige Folge von Zorn und Kampf, Protest und Opposition, Links und Rechts. Der Zusammenhang von Gewalt und Politik könnte in keiner Geschichte puristischer dargestellt werden, und das ist es auch, was Bernd Eichingers Film den anderen, subjektiveren Stoffverfilmungen trotzdem vorraus hat. Er beschreibt ohne Stellung zu beziehen, ja sogar ohne besonders künstlerisch zu sein, wie der Mensch seine Welt verändert.

In den tatsächlichen Worten Ulrike Meinhofs: „‚Protest ist, wenn ich sage, das und das paßt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß das, was mir nicht paßt, nicht länger geschieht.“

Die Schwelle

Februar 21, 2008

Jeder Zweite kennt das Buch aus dem Mittelstufenunterricht als Deutschlektüre: Die Welle von Morton Rhue. Und das trotz der Beharrlichkeit auf klassische deutsche Literatur seitens des typischen Gymnasiallehrers. Ich gehöre nicht dazu, was sich wohl als Bildungslücke bezeichnen lässt. Aber ich habe Gestern die neue deutsche und zeitgemäße Verfilmung von Dennis Gansel in der Sneak Preview gesehen.
Das Ergebnis ist eigentlich mehr als interessant. Zwar ist trotz der straffen Inszenierung die Handlung auf leicht wackligen Beinen – es wäre ja bei so einem Stoff auch ein Wunder gewesen, wenn ein deutscher Film mit hauptsächlich Jugenddarstellern das zustande gebracht hätte – aber grundlegend fast schon zu empfehlen. Manche Handlungsstränge und Szenen sind gänzlich uninteressant, aber die Grundidee (womit natürlich mehr das Buch als die Verfilmung zu loben ist) ist soziologisch langweilig, trotzdem irgendwie gut. Ein paar Jugendliche verfallen, nur aus einer einfachen Geimeinschaftsidee heraus, in einen Wahn faschistoider Herkunft. Sie zerstören Eigentum, schließen Andere aus und diabolisieren oder demütigen sie sogar. Nazideutschland in der Klasse eines Berliner Gymnasiums.
Zuletzt wird auch die zuerst gestellte Frage beantwortet: „Ist Diktatur in einem aufgeklärten Land wie der Bundesrepublik überhaupt noch möglich?“. Ja, offensichtlich ist sie das, und mehr noch – die Bilder aus dem Film kommen uns zu vielen Teilen sogar wesentlich bekannt vor. Sind wir nicht die einsamen Bürokratiewölfe, die wir uns wähnen zu sein? Faschismus ist überall.
Und die Hemmschwelle dazu ist mit bloßem Auge nicht erkennbar.