Angst und Schrecken auf einem Miniaturfestival

(Aus einem ungenannten Magazin herauszensiert). Den Fuß voll im zweiten Gang rutschen wir Freitag den 3. Siebten. durch den Kreisverkehr zum Gelände der Sturm-Gruppe, Tom Jones in den Boxen und eine fadenscheinige Presseakkredetierung im sehr beschränkt gehaltenen Gepäck. Das Papstdach des Centro Benedetto kommt in Sicht und ich drehe den Lautstärkeregler auf links, um den durcheinandergeschmissenen Goa- und Drum’n'Bass-Tönen zu lauschen. Versehentlich benutze ich dazu die Augen und verfehle die Stoßstange meines Vordermanns nur um Zentimeter. R. lacht vom Beifahrersitz und zitiert den vielleicht berühmtesten Anwalt der Welt: “Bist du bereit mit einem fürchterlichen Rausch unter falschem Namen in einem Festival einzuchecken mit der Absicht einen schweren Betrug auszuüben?”. Was den Betrug angeht, war der Satz wohl gelogen, es sei denn, wir wollten uns selbst um unsere Gehirnzellen betrügen, aber ich war durchaus bereit. Vor uns biegen die Autos in das Campinggelände ein, aber wir lassen uns in einer der betonierten Parkplätze schlittern und ich quittiere den Dienst am Lenkrad mit dem leisen Verdacht, ich könnte hier abgeschleppt werden. Am Schalter gegenüber weiß natürlich niemand wer wir sind. Auf meinem Führerschein steht nicht Wilhelm Skrjabin und Telefonate werden geführt. Wir sind nicht sicher ob wir überhaupt das Bare haben, um den Eintritt zu bezahlen – aber genug Alkohol um später vollgetankt die Umzäunung umzuwalzen. Meine Nummer steht in ihren Unterlagen, sie rufen da und mein Handy fängt an zu klingeln, das reicht ihnen dann und wir bekommen ein weiteres Papierfestivalband umgeschnallt.

Das Campingelände stellt sich als wirklich sehr klein heraus und wir fragen uns, ob wir nicht zu große Geschütze aufgefahren haben für dieses friedliche, grillplatzartige Zusammensein. In unseren Taschen ist genug Pepp und Gras und Tablettendosen um einen ausgewachsenen Braunbären entweder einzuschläfern oder zum Trapezkünstler werden zu lassen. Festivalmenschen aller Geschmacksrichtungen kommen an uns vorbei: Vollblutrastafaris, MarkenklamottenDJs und Lederjackenboys. Inmitten dieses kulturellen Schmelztiegels rauchen wir uns erstmal einen in den Schädel, nachdem wir ein paar Bekannte treffen. Noch ein paar Biere hinterher und der Himmel sieht schon heller aus. Nachdem wir unseren Kontaktmann getroffen haben schnallen wir uns die Kameras um und schmeißen mit Flyern.

Fast zehn Stunden später rauscht mein Beifahrer R. an mir vorbei. Inmitten der Lichter war der DJ hinter seinem Pult hervor gekommen, um ihn durch den Raum zu schleudern. Randvoll mit Dosenbier hatte R. an den Schaltern und Knöpfen herumgedrückt, sogar in die Platte gegriffen, bis ihm der Kragen geplatzt war. Die Sonnenbrille trotz frühen Morgenstunden noch auf der Nase fällt er auf den Rücken, nur um sich aufhelfen zu lassen und weiterzutanzen. Von dem einzelnen, trostlosen Flashlight im Raum und dem Nebel genervt wackle ich mir den Weg aus dem “Liquid Clubbing”-Zelt frei. Nachtluft schlägt auf meine Lunge und über das, was hinter mir noch alles im Suff geschehen wird schmunzelnd versuche ich zu rekapitulieren und sehe mich selbst mit Sonnenhut und Teashades durch Minivegas laufen. War ich wirklich hier, um Fotos zu machen, Interviews, um irgend eine Art von Berichterstattung zu bringen? Oder irrte ich nur umher, gefangen in einem seltsamen durch Schlafentzug psychedelisch gewordenen Upper- und Downerrausch? Die Kamera hatten wir längst liegen gelassen, in der weisen Voraussicht unserer späteren Unzurechnungsfähigkeit. Die mager besuchten Livekonzerte unter dem Dach von Papst Ratzinger tagsüber wurden durch die rasante russische und jiddische Volksmusik des Nachts wettegemacht. Bei “Schmitts Katze”, hochgradig tanzbarer Kletzmermusik sich die Beine warmzuwippen, um sie schließlich im mit Netzen behangenen Drum’n'Bass-Zelt vollständig zu entfesseln war eklatanter Sport gewesen. Ich setze ein Bein vors andere und komme an den Metalltonnen in der Mitte des Festivalgeländes vorbei, die ein bei den nicht mehr allzu genügsamen Witterungsverhältnissen zwischendurch ein willkommenes Feuer boten. Nichts für mich, ich habe sowieso kein Temperaturempfinden mehr – steuere auf die Treppen zum Bühnenaufbau zu. Durch die Menge und übergebe mich in einer Ecke. Lustiger Gedanke, sich unter dem selben Dach ausgekotzt zu haben unter dem der Papst schon zu zigtausend Leuten gesprochen hat. “Lokomotive Blokschoij” lutscht an ihren Blasinstrumenten rum. Klingt gut. Schmeckt wahrscheinlich auch gut. Die “intelligente Hiphopformation Der Jungbrunn” habe ich mit Absicht verpasst.

Wohin uns dieser Kurztrip aber tatsächlich führt, ist mir nicht klar. Die allerunterschiedlichsten Szenen treffen sich an dieser Gabel, dieser Kreuzung, Cross Roots. Aber nirgendwo scheinen wir so wirklich reinzupassen. Vielleicht gibt es bis auf das Gedudel der Rootsreggae-Stände, voll mit Jamacaifarben, keine Musik hier, die wir nicht feiern würden – andererseits sehne ich mich angesichts der Gesichtslosigkeit der Besucher und Musiker und Veranstaltungen nach Brahms und Sinatra und aggressivem Untergrundrap. Scheiß drauf, die anderen aufgabeln und weitermachen, dahin wo sich die Welle am höchsten bricht, wo die Leute noch wach sind. Die Nase pudern, frisches Makeup und eine Zigarette. Natürlich will mir keiner eine geben, dafür bin ich mittlerweile wohl selbst für diese buntgemischte Bande zu spleenig. “This Song is so very far from wrong” schallert mir durchs Hirn, obwohl es natürlich nirgendwo läuft. “Jingle Jangle Jingle…” …

Ich wache auf dem Rücksitz meines Wagens auf, R. lehnt vor mir auf dem Schaltknüppel und würgt leicht im Schlaf. Kippenrauch und Kondenswasser blockiert die Sicht nach Draußen. Ich breche mit dem Kopf durch die Tür und die Sonne brennt mir die Augen wund. Wie spät es wohl ist? Ich erinnere mich wage daran, dass uns in den frühen Morgenstunden ein paar schlechtkostümierte Typen verfolgt hatten, aber nicht warum. Ein Gang ums Auto zeigt mir, dass ich jedenfalls nicht gefahren bin, sonst wäre zweifellos irgendwas in Mitleidenschaft gezogen worden. Einsteigen, R. aufwecken. Wir sollten hier verschwinden. Vielleicht hatte er ja doch nicht gelogen, was den schweren Betrug anging. Das kann keiner so genau wissen. Sonnenbrille ins Gesicht, Fenster runter und mit etwas quietschenden Reifen raussetzen. An den Frühaufstehern vorbeirasen. Leise Paranoia beschleicht uns. Mercedesscheinwerfer, Pseudoblaulichter.

Kohlenhydrate, Kalorien sind unbedingt nötig. Vollgas im Vierten die Straße runter zum zweitgrößten Imbissrestaurant der Welt. Natürlich sind unsere Gutscheine längst abgelaufen. Frühstück für Gottes Prototypen: Ein Viertelpfünder, ein schnelles Bier und drei Zigaretten. Wir entdecken langsam das Ausmaß unserer Blessuren. Blaue, gelbe Flecken und kaputte Ellbogen. Nach einer Dusche und ein paar Metern Verband ist alles beim Alten. Etwas später Zuhause erweist sich das als nicht ganz richtig: Eine ganze Menge Schlaf fehlt.

Kaum eine handvoll Schlaf und ein paar Liter Wasser später stehen wir wieder am Eingang des Festivals. Was erwartet uns hier? Räudige Schläger, die es uns von Gestern heimzahlen wollen? Zusammengeschlagene, mit Polizei im Schlepptau? Kampfhunde? Ich spreche das laut aus und wir müssen beide verkatert und abgedreht lachen. Das Bumsen der Zeltboxen nur gedämpft wahrnehmend stellen wir nach und nach fest: Garnichts erwartet uns. Enttäuscht von dem vermeintlichen Höhepunkt unseres Exzesses schlendern wir durch die mittlerweile frierende Meute. Machen ein paar Fotos, in der Hoffnung wir würden unsere Arbeit von Gestern aufholen. Aber schnell ist klar: Hier gibt es nichts mehr zu holen. Wir sehen noch “Boggin Leprechaun”, schlürfen unseren Kater mit Scotch und Wasser runter und kehren dem Cross Roots schließlich den Rücken. In der selben Nacht sollten wir tatsächlich noch mit den Männern in Grün zu tun bekommen, aber längst nicht mehr wegen des Festivals. “Vergiss es. War nur ein Witz – ich lieg grade am Pool – am Pool vom Flamingo. So ein Zwerg hat mir ein tragbares Telefon aus dem Casino gebracht. Ja, ich hab hier totalen Kredit. Komm bloß nicht in die Nähe von dem Schuppen.”

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