Synecdoche, New York

Synekdoche: [...] So kann ein Wort durch einen Begriff mit engerer oder weiterer Bedeutung, einen Ober- oder Unterbegriff ersetzt werden.

Stellt man sich vor, man würde Charlie Kaufman auf einem Filmfestival begegnen, wie er sich seinen eigenen Autorenfilm Synecdoche, New York ansähe, könnte man unter Umständen folgendes feststellen: Der reale Autor des Films beobachtet den fiktiven Autor eines Theaterstücks dabei, wie er einem eigens für die Rolle, die er selbst ist, eingestellten Schauspieler Regieanweisungen gibt und wiederum den Schauspieler des Regisseurs des Regisseurs aus der ersten fiktiven Ebene aus dem Kopf von Kaufman beobachtet. Jetzt würde das noch weiter führen, nehme man an Kaufman würde so tun, als gäbe er den Figuren in Synecdoche Regieanweisungen. Mit diesen Erzählebenen hatte schon sein Drehbuch zu “Adaptation” (2003) gespielt als wäre es eine Selbstverständlichkeit, so zu erzählen. Und das macht die von Surrealismen und Grotesken gespickten Geschichten von Kaufman auch so anziehend: Sie verstricken sich nie in ihre eigene Komplexität – lösen zwar wenn notwendig alles in nicht nachvollziehbaren Symbolismus um, wirken aber nie künstlich oder zurechtgelegt.

Alle gezeigten Merkwürdigkeiten wie das an “Barton Fink” erinnernde brennende Haus, das von der naiven Portiersdame Hazel gekauft wird, die winzig kleinen Bilder, die Cadens (brillant: Philip Seymor Hoffman) erste Frau Adele ausstellt oder der langsame Verfall seines Körpers, bis schließlich seine letzte Anweisung lautet: “Stirb” – sie weisen wie der Titel verlangt auf etwas Größeres hin, auf einen seelischen Zustand. Kaufman will nicht etwa nur die Geschichte eines “rasend schnell alternden Mannes” erzählen, wie es der Spiegel zum Cannes-Jahr 2008 schreibt. Er stellt in jeder Szene fragen nach der Realität und ihrer Ebenen (Er zeigt seinen Protagonisten, wie er erzählt es gäbe 13 Millionen Menschen, und keiner sei ein Statist – jeder spiele seine Hauptrolle – darauf zeigt er ihn, wie er einem Alter Ego Anweisungen gibt, wie er genau diesen Satz in seinem Stück zu sagen hat), nach der Liebe zwischen Caden und seinen parallelen Identitäten und Hazel und ihren parallelen Identitäten, nach der Angst vor dem Tod und dem Wahnsinn, und gibt nur ein einziges mal eine Antwort, als der Schöpfer Caden zuletzt stirbt. Deswegen ist es wohl so schwer, diesen Film als etwas Tieferführendes als ein Verwirrspiel zu sehen. Ihn aber auf eine gewöhnliche Tragikomödie zu reduzieren wäre schlicht falsch. Vielmehr ist Synecdoche, New York ein groteskes Drama (im Drama im Drama). Wenn man nur etwas genauer hinsieht erkennt man außerdem: Caden altert nicht schneller, darauf gibt es nicht mal einen Hinweis (manchmal sind gleichaltrige Charaktere sogar plötzlich älter als er, manchmal ist sogar er selbst älter als er) – Caden zerfällt nur. Die Szenenfolge ist nunmal auf Jahrzehnte ausgelegt, nicht auf einen Tag. Hätte Herr Beier (Spiegel) den Film etwas konzentrierter verfolgt wäre ihm auch ein sehr treffendes Zitat für seine Rohr-Frei-Metapher aufgefallen (“Sind sie wirklich überall?”)

Mit welcher Präzision hier Bilder, deren Kompromisslosigkeit in der Tradition von David Lynch oder Bukowskis Short Stories stehen, aneinandergereiht und doch in ihrer scheinbaren Zusammenhangslosigkeit verworben werden war schon bei “Adaptation” oder auch “Eternal Sunshine of the Spotless Mind” bewundernswert, wird mit der Regietätigkeit Kaufmans aber diesmal auf die Spitze getrieben. Die Darsteller gehen allesamt in ihrer Rolle auf, keiner von ihnen ist ein Statist, selbst wenn sie nur Abbilder der Protagonisten sind. Hoffman als tragender Charakter zeigt einmal mehr, dass in ihm unendlich mehr steckt als der dauergrinsende Butler aus “The Big Lebowski”, nämlich einen der talentiertesten Schauspieler unserer Zeit.

Einer der missverstandensten Filme der letzten Jahre, und als das was er ist taugt er auch zum Missverstehen. Aber das ist das Wesen von grotesker Kunst, ob im Kino oder in der Literatur oder auf der Leinwand… – sie muss nicht, will garnicht genau so verstanden werden wie sie geschaffen wurde. Da schreibt die “Time” schon treffender: “No film with an ambition this large and an achievement this impressive, can be anything but exhilarating.”

(10/10)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s


Follow

Get every new post delivered to your Inbox.