Kinokritik: Kick-Ass

„Kick-Ass“ ist gleich auf mehrere Arten in seiner Vermarktung selbstreferenziell. Titelgebend ist nicht nur der unbeugsam vom Superheldentreiben beseelte Dave (Aaron Johnson), sondern auch der Arschtritt, den der Film dem Superheldenkino mit seinen nicht ganz so polierten Indiependentstiefeln verpasst. Nicht nur Kick-Ass ist ein aus sich selbst herauswachsender, Bösewichter in die Flucht schlagender Irrer, sondern auch der Film selbst begreift sich als Solcher. Matthew Vaughn (Regie) streift durch den Norden von L.A. und tritt ungefragt Türen ein – nicht zuletzt die des seinerzeit zurecht schlechtbesuchten „The Spirit“, dessen fiktiver dritter Teil in einer Stadtszene die Aushängewand eines Kinos schmückt. Ohne aber mit Plagiaturwitzen dahinzuseiern schafft es „Kick-Ass“ durchaus, länger im Gedächtnis hängen zu bleiben als die Superheldenvertreter aus Hollywood.

Dave Lizewski alias Kick-Ass ist kein herkömmlicher Superheld. Er wurde nicht wie Spiderman von einer genmanipulierten Spinne gebissen. Er befindet sich nicht wie Daredevil auf einem Rachefeldzug, weil seine Eltern von einem Gangsterboss ermordet wurden. Und er kann sich auch keine superteuren High-Tech-Gadgets leisten, wie sie Batman nutzt, um die bösen Buben in Gotham City dingfest zu machen. Dave ist vielmehr ein stinknormaler Teenager, der sich mitunter ein nicht gerade modisches, froschgrünes Taucheranzug-Kostüm überstreift, um in den dunklen Gassen New Yorks für Recht und Ordnung zu sorgen. In der Regel enden diese Ausflüge damit, dass er eine gehörige Tracht Prügel bezieht oder auch schon mal niedergestochen wird. Als Kick-Ass bei einem seiner Einsätze dem Mafiapaten Frank D’Amico auf die Füße tritt, ist allerdings Schluss mit lustig. Ein Glück für Dave, dass er nicht der einzige Superheld in der Stadt ist und ihm der rachsüchtige Ex-Cop Damon Macready sowie dessen elfjährige, zur perfekten Killermaschine ausgebildete Tochter Mindy alias Hit-Girl mit ihrem gewaltigen Waffenarsenal hilfreich zur Seite springen.

Nun ist es aber ein grundlegendes Problem von „Kick-Ass“, dass er zwar in vielen Erzählschritten – wie die Geschichte des Vater-Tochter-Gespanns Damon (Nicolas Cage) und Mindy Macready (Wieder genial: Chloe Moretz) voll und ganz das Potential eines konsequenten schwarzhumorigen Neuzeitreißers zeigt, aber (im direkten Zusammenspiel notwendigerweise lächerlichen) Klischees nicht wirklich aus dem Weg geht. Die später völlig im Sumpf des Selbstzwecks verlaufende obligatorische Romanze mit Schulschönheit Katie kennt keinen Sinn in der sonst sehr schnittig am Grade der ernsthaften Bösartigkeit und augenzwinkernder Lässigkeit entlangpendelnden Geschichte. Ebenso steht die Coming-of-Age Struktur von Daves Wandlung vom leblosen Studenten zum provokanten Myspaceheld auf recht tönernen Füßen, nicht nur weil Internet in Filmen immer Probleme bereitet, die sich nicht vermeiden lassen. Seine ständigen Versuche, den New Yorker Bürgern zu helfen und dafür die richtige Ausdauer zu haben, werden zwar ausführlich porträtiert, aber haben zu wenig Humor und sind zu leblos, um nicht in die Länge zu gehen. Allerdings ist bei alledem der Grundentwurf „Schüler bestellt aus Überdruss ein knallgrüngelbes Nylonkostüm im Internet, beginnt Verbrechensbekämpfung mit zwei Eskrimastöcken bewaffnet und wird von Nicolas Cage im Batmananzug und Magnumgewehr gerettet, nachdem er in Fixerstube aufräumen will. Außerdem: Elfjährige mit doppelseiter Lanze läuft Amok.“ zu irrwitzig gut, als dass die mainstreamness überhand gewinnen könnte. Wenn dann Kickass in seinem Taucheranzug und Raketenrucksack über der Großstadt daherschwebt und mit zwei Miniguns auf dem Rücken Glaswände durchballert findet Klischee und Reißerei eine verrückte Verschränkung und findet seine endgültige Form.

Aaron Johnson („Herr der Diebe“) steht nicht nur ganz oben im Telefonbuch, er bestimmt auch den Darstellerreigen. Wenn er die Wanderung zwischen Nerdklischee und tatkräftigem Möchtegernhelden nicht passabel schaffen würde, ginge die Rechnung von „Kick-Ass“ nicht auf. Christopher Mintz-Plasse („Superbad“) bekommt leider nur eine Art ausgedehnten Cameo-Auftritt als zwielichtig-gerissener Sohn des antagonistischen Mafiabosses, der sich kaum an Fogell aus Superbad orientiert. Eine größere Netzzeitschrift schrieb kürzlich: „Needs more Fogell“ und hat damit nur recht. Allerdings kann man Vaughn auch hoch anrechnen, dass er weder die selbstironische Berühmtheit eines Mintz-Plasses noch das Startum von Nicolas Cage ausnutzt (was vielleicht der Grund ist, warum der Film bis jetzt keine Rekordzahlen geschrieben hat). Die absolute Attraktion unter der Besetzung ist aber Chloe Moretz, die schon in „(500) Days of Summer“ eine ähnliche, frühweise Rolle gespielt hat. Wo Haley Joel Osment („Sixth Sense“) ein Genie ist, darf sich Moretz mindestens als Virtuosin bezeichnen. Als Jungdarstellerin zeigt sie mehr Schauspielgabe als beinahe die gesamten restlichen Darsteller. Zwar kann sie die wahnsinnige Präsenz eines Nick Cage (wie schon zuletzt in „Bad Lieutenant“ steril-wahnsinnig) nicht überblenden, bleibt aber mit ihren irren metzelakrobatischen Einlagen deutlich am besten im Gedächtnis. Die Höhepunkte seiner stilistischen Größenwahnsinnigkeit erreicht der Film immer nur, wenn „Hit-Girl“ Gliedmaßen abtrennen und trockene Oneliner zum besten Geben darf. In einer denkwürdigen Szene betritt sie das Hauptquartier der Mafiavereinigung, als Schulmädchen verkleidet, beteuert sie hätte ihre Eltern verloren und ballert schließlich die Türsteher nieder, wozu tatsächlich der Soundtrack zu „Für eine Handvoll Dollar mehr“ läuft. Man könnte also auch gerne sagen: „Needs more Hit-Girl“.

„Kick-Ass“ ist für mich ein nicht konsequent genug aufgezogenes Miniepos, mit Schwächen in der eigenen Entscheidungskraft, aber kongenialen Momentaufnahmen und Zusammensetzungen. Lohnenswert ist er sicher für jeden Freund von schwarzem und vorallem durchgedrehten Humor, Viele wird er aber auch wohl aufgrund seines verschenkten Potentials enttäuschen.

(7 / 10)

Eine Antwort zu „Kinokritik: Kick-Ass“

  1. criticalliar sagt:

    Deine Site hat ein sehr ansprechendes Design!

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