Archiv für Juli 2008

Diogenes-Syndrom in Blogform

Juli 26, 2008

1 [..] Nietzsche ist, was den Willen zur Macht angeht (seine Bekämpfung des menschlichen Leids), aber keineswegs strategisch, er versucht die Heilung mit Wahrheit und hegt Vertrauen in die Skepsis und die Bereitschaft der Menschen zur Zerstreuung. Anders als der Buddhismus, der das Leiden beim Namen nennt und somit dekadent wird ,- und sich, wenn man die Nietzscheanische Erkenntnis voraussetzt, so selbst negiert.

2 [..] Das Grundlegende Problem der neuen Generation ist ihr nahezu unwissentlicher Hedonismus. Die Menschen greifen nach der Metaphysik, nach dem Leben nach dem Tod – das Schillergen, das in jedem von uns steckt – und verdammt uns dazu, unseren Hedonismus verdrängen zu müssen. Wir haben zu viel Einstellung und Tugend, aber zu wenig Erfüllung.

Die Verrücktheit des J.B.S. Haldane

Juli 18, 2008

„Im Allgemeinen heilt das Trommelfell wieder; und wenn darin ein Loch bleibt, ist   man zwar ein wenig schwerhörig, aber dafür kann man Tabakrauch aus dem fraglichen Ohr blasen, und das ist eine soziale Errungenschaft.“ John Haldane war in den 20er Jahren Lektor für Biochemie in Cambridge, später Enzymforscher, Psychologie- und Genetikprofessor in London. Er stellte das Haldane-Gesetz auf (das im Groben eigentlich nur besagt, je größer ein Tier ist, desto komplexer muss seine Atmung und sein Sauerstoffkreislauf sein), stellte Parallelen zwischen der Bluterkrankheit und der Farbenblindheit her und war maßgeblich an der „Modernen Synthese“ beteiligt. Außerdem war er Darwinist und in den Jahren als der Kommunismus an Popularität gewann und auch ein paar Jahre über die Moskauer Prozesse hinaus rotpolitisch. Aber das ist ehrlichgesagt höchstens am Rande interessant. Denn Haldane stellte einige sehr merkwürdige – und dabei sogar noch produktive – Expiremente an (hauptsächlich in Zusammenarbeit mit seinem Vater John Scott Haldane, die beiden lassen sich biografisch ohnehin nicht auseinander halten.) Sie revolutionierten das Tauchen als wissenschaftliche Nutztätigkeit wie auch den Tauchsport, in dem sie sich Extremsituationen wie einer Kohlenmonoxidvergiftung aussetzten. “ [...] vergiftete er sich selbst systematisch, während er sich ständig Blutproben entnahm und analysierte. Er hörte erst auf, als er die Kontrolle über seine Muskeln fast völlig verloren hatte und sein Blut zu 56 Prozent mit dem Gas gesättigt war.“ – Trevor Norton, In unbekannte Tiefen. Sie simulierten auch gefährlich schnelle Druckveränderungen in Tauchkammern, um dabei leichte bis schwere Verletzungen davonzutragen. Angeblich platzten die Zahnplomben Haldanes des Jüngeren einmal bei einem Drucktest, die ihm dann wie Querschläger um die Ohren flogen. Der Ältere dagegen hatte sechs Jahre kein Gefühl im Gesäß und im unteren Rücken, nachdem er einen Test mit Sauerstoffentzug durchgeführt hatte und unter schweren Krämpfen litt, bei denen er sich sogar einige Wirbel brach. Die beiden schreckten ebenso wenig davon zurück, ihre Frauen und später sogar den spanischen Premierminister Juan Négrin in solche Testkammern zu sperren. Die Probanden darin konnten sich nicht einmal verständlich machen, denn die Kammern waren Schalldicht und Isoliert. Auch Stickstoffvergiftungen gehörten in ihr lustiges Programm an wissenschaftlicher Selbstzerstörung. „In einem Versuch wechselte die Versuchsperson zwischen Depression und gehobener Stimmung. Im einen Augenblick verlangte er, dekomprimiert zu werden, weil er sich einfach entsetzlich fühlte, in der nächsten Minute lachte er und versuchte, die Geschicklichkeitsprüfung seiner Kollegen zu stören.“ Mythen zufolge bieten Taucher unter einer Stickstoffvergiftung ja auch Fischen ihre Sauerstoffschläuche an oder versuchen sich eine Zigarette anzuzünden. Sie versuchten sogar, diese Tests von Prüfern kontrollieren zu lassen. Allerdings wurden die Prüfer in den Kammern selbst vergiftet und vergaßen dann, ihre Stoppuhren zu drücken oder etwas aufzuschreiben, oder machten stattdessen etwas völlig anderes. Auch hielt J.B.S. Haldane den ersten Weltkrieg „für ein sehr erfreuliches Erlebnis“ und räumt ein „dass ihm die Möglichkeit, Menschen zu töten, gefiel…“ Selbst wurde er, als fanatischer Soldat, zwei mal verwundet.
Man sieht also eindrucksvoll: Schaltet man mehr als ein halbes Jahrhundert später MTV um Mitternacht ein muss man feststellen, dass die Beiden Wissenschaftler in ihrem Übermut der Unterhaltungskultur wohl leider um einiger Zeit voraus waren. Und das im positivsten Sinne.