Archiv für Februar 2008

Die Schwelle

Februar 21, 2008

Jeder Zweite kennt das Buch aus dem Mittelstufenunterricht als Deutschlektüre: Die Welle von Morton Rhue. Und das trotz der Beharrlichkeit auf klassische deutsche Literatur seitens des typischen Gymnasiallehrers. Ich gehöre nicht dazu, was sich wohl als Bildungslücke bezeichnen lässt. Aber ich habe Gestern die neue deutsche und zeitgemäße Verfilmung von Dennis Gansel in der Sneak Preview gesehen.
Das Ergebnis ist eigentlich mehr als interessant. Zwar ist trotz der straffen Inszenierung die Handlung auf leicht wackligen Beinen – es wäre ja bei so einem Stoff auch ein Wunder gewesen, wenn ein deutscher Film mit hauptsächlich Jugenddarstellern das zustande gebracht hätte – aber grundlegend fast schon zu empfehlen. Manche Handlungsstränge und Szenen sind gänzlich uninteressant, aber die Grundidee (womit natürlich mehr das Buch als die Verfilmung zu loben ist) ist soziologisch langweilig, trotzdem irgendwie gut. Ein paar Jugendliche verfallen, nur aus einer einfachen Geimeinschaftsidee heraus, in einen Wahn faschistoider Herkunft. Sie zerstören Eigentum, schließen Andere aus und diabolisieren oder demütigen sie sogar. Nazideutschland in der Klasse eines Berliner Gymnasiums.
Zuletzt wird auch die zuerst gestellte Frage beantwortet: „Ist Diktatur in einem aufgeklärten Land wie der Bundesrepublik überhaupt noch möglich?“. Ja, offensichtlich ist sie das, und mehr noch – die Bilder aus dem Film kommen uns zu vielen Teilen sogar wesentlich bekannt vor. Sind wir nicht die einsamen Bürokratiewölfe, die wir uns wähnen zu sein? Faschismus ist überall.
Und die Hemmschwelle dazu ist mit bloßem Auge nicht erkennbar.

Das Tyler Durden-Prinzip

Februar 6, 2008

Das Leitersystem ist schnell erklärt. Eine Laienthese, die sicher schon einmal wissenschaftlich formuliert wurde, aber es wäre ja kein „unqualifizierter Gonzo-Journalismus“ wenn ich recherchieren würde. Jedenfalls geht es darum, dass jedes Subjekt in seiner Wahrnehmung auf einer bestimmten Wertungsstufe steht, eine Art „Leiter des Lebens“. Wir sehen Menschen über uns, Menschen die womöglich in unseren Augen besser gestellt sind oder mehr erreicht haben als wir. Auf der anderen Seite sind natürlich auch Menschen unter uns. Aus der Sicht eines anderen Individuums könnte das ganze genau umgedreht oder ganz anders aussehen – je nach Setzung der Prioritäten. Wenn man nun eine Leiterstufe nach oben steigt, steigt das Glück. (Askese als Gegenargument stimmt hier nicht, weil auch diese einen „Aufstieg“ bedeuten würde, nennen wir es eine hedonistisch gestimmte Leiter.) Je höher man steigt, desto tiefer fällt man natürlich und Absturz bedeutet Unglück und Pein. Man steigt und fällt ständig.

Nach einem Kampf ist alles andere im Leben leiser gedreht. Man wird mit allem fertig.

Ich verliere meinen Geldbeutel. Ich ärgere mich fürchterlich, weil ich bemerke, dass ihn jemand gefunden hat und es sich mit meiner Kreditkarte gut gehen lässt. Ich gehe zur Polizei, beschwere mich wild und kann ich der Nacht darauf schlecht schlafen. Damit sinke ich im Leitersystem (Aus welchem Antrieb heraus tut nichts zur Sache, da das nur symbolisch ist). Am nächsten Tag habe ich einen schlimmen Autounfall, bei dem ich hätte sterben können. Mir passiert körperlich nichts, aber ich bin seelisch geschockt. Was passiert? Natürlich, der Geldbeutel ist mir völlig egal. Ich entgrenze mich also aus dem Leitersystem, weil nach diesem Angriff auf meine Überlebensinstinkte geregelte Werte völlig frei von Wert sind und nur das Leben zählt. Der Geldbeutel ist mir genauso egal wie der Burger des Tages oder ob man die Bügelfalte in der Hose auch sieht. Gerade durch das intensive Eindringen von Konsum in unseren Alltag ist es der Leiter möglich, uns so stark zu bestimmen – nicht nur im gesellschaftlichen Sinne, sondern auch durch das „mit sich selbst im Reinen sein“, das heute gepredigt wird. Wie kommt man also in diese Phase des höchsten Glückes, der Entgrenzung, dem Nullpunkt? Wir haben es ganz einfach verlernt, diese Phase aus eigenem Antrieb zu erreichen. Und wir haben nicht den Mut, von der Leiter ins Ungewisse zu springen, in der Hoffnung, dort erwarte uns etwas viel schöneres. Wir möchten nichts aufgeben. Nichts was uns hier hält, in einem stabilen Leben. Ob es nun auf der Straße geführt wird oder in einem Einfamilienhaus, wir haben Prinzipien, wir haben Gewohnheiten, wir sind Abhängig. Es gibt einfach zu wenige Menschen, die noch wissen, wie man lebt.