Der Friedhof im Heimatdorf der beiden dahingeschiedenen Herren Heinrich Hagenström und Hannes Haffelhoss birgt eine kleine, aber sonderbare Seltsamkeit. Natürlich sind Heinrich und Hannes auf genau diesem Friedhof begraben und natürlich hat diese Seltsamkeit mit den beiden zu tun. Es gibt dort nämlich einen einzelnen Grabstein, unter dem zwei Leichen begraben sind. Es gab ein wenig Gezeter von der Verwaltung und auch ein wenig vom Pfarrer, aber schließlich konnte eine Junge Frau durchsetzen, dass die beiden Freunde doch zusammen begraben werden, so wie sie es zu Lebzeiten gewünscht hatten. Tragischerweise starb auch diese wenige Jahre später, und wurde ganz in der Nähe unter ihrem eigenen Grabstein niedergelassen. Heinrich und Hannes teilten Alles. Nicht nur ihre Initialien, auch all ihr Hab und Gut. Sie kannten sich von Kindesbeinen an, wuchsen zusammen auf und wussten, wie viel eine beste Freundschaft wert war. Sie stritten sich nie, bis zu ihrem Tod. Sie hatten eine gemeinsame Mietwohung in einem hübschen, ehemaligen Freimaurerhaus, fuhren jeden Morgen mit den selben hellblauen Krawatten zur selben Arbeitsstelle bei einem Paketlieferanten in der nächstgelegenen Stadt und aßen zusammen zu Abend. Sie gingen nie mit jemand anderem Essen als miteinander und teilten den Preis immer durch Zwei, auch wenn der Hunger vom einen größer gewesen war. Das taten sie sogar mit dem Trinkgeld. Sie teilten wirklich Alles. In der Wohnung stand nur ein paar Hausschuhe, weil je einer jeden Abend mit Kochen beschäftigt war, während die Füße des Anderen im Wohnzimmer ohnehin gewärmt waren. Mit dem Einkaufen wechselten sie sich auch ab. Wenn einer von beiden mal nicht zur Arbeit erschien, stand der Andere für ihn bei ihrem schnauzbärtigen Boss für ihn gerade. Sie ließen sich vom selben Frisör die Haare in demselben Scheitelschnitt zurechtmachen und saßen danach wie Seniorinnen vor einer aufgeschlagenen Zeitung nebeneinander. Sie teilten sich einen Nachttisch, sie teilten sich die Unterwäsche, ja manchmal teilten sie sich sogar eine Betthälfte. Sie waren wie ein glückliches Männerehepaar und wären auch bis ans Ende ihrer Tage ein Solches geblieben, wäre da nicht, wie sollte es auch anders sein, eine Frau aufgetaucht. Sie hieß Isabelle und hatte schulterlanges, mattschwarzes Haar, große Brüste und kreideweiße Haut, sie arbeitete auch beim Paketdienst. Sie standen beide fürchterlich auf sie. Und so begab es sich einige Zeit darauf, dass sie sich Heinrich und Hannes im Sprechzimmer eines Allgemeinarztes wiederfanden, mit einem positiven HIV-Test in der Hand.
Denn natürlich haben sie alles geteilt.
Archiv für Dezember 2007
Heinrich und Hannes
Dezember 27, 2007Narzissmus, der bürokratische Wahnsinn
Dezember 21, 2007
Die neue deutsche Seltsamkeit
Dezember 21, 2007Warum Exzentriker noch mehr auf dem Vormarsch sind.
Geprägt von Monotonie, Alltag und Asphalt ist die deutsche Gesellschaft eine durchaus unkreative. Alles, was heute zu einer festen Größe herangewachsen ist, wurde von ebenso großen Menschen entworfen. Ob sie eben das erst zu nach unserem Verständnis großen Menschen gemacht hat oder es in ihrer Natur liegt, sei mal dahingestellt. Paradebeispiel Medien. Wir haben schon lange nicht nur mehr einen Typus Berühmtheiten. Die einen werden geschätzt auf Grund dessen was sie machen, die anderen für das was sie sind. Dabei hat es ersterer Typus natürlich um Längen schwerer, denn am heutigen Tag gibt es nicht mehr viel, was noch nicht gezeigt wurde. Natürlich wurde, nebenbei, auch dieser Gedanke schon geschrieben, und zwar von John Stuart Mill. Auf der anderen Seite wird die Welt nur bedingt dadurch besser, dass ein Hochgagen-Schauspieler mit dem neuen Aston Martin-Modell eine Landstraße vollraucht.
Also müssen wir uns auf den ersten Typus verlassen, was die prominente Kunst angeht. An diesem Punkt kommen die Männer mit den rundgläsrigen Brillen und den in alle Richtungen strebenden Haaren ins Spiel. Exzentriker sind essentiell für die Weiterentwicklung, nicht nur die der Kunst, auch für die der Gesellschaft. Diese extreme Abweichung von der Norm ist in allen Bereichen wichtig, um zu finden was gut und auszusortieren was schlecht ist. Das trifft vor allem auf die Ästhetik zu, deren Revolutionen sämtlich von Exzentrikern erbracht wurden. Unsere Wirtschaft mag von logischen genialen Köpfen vorangetrieben werden, aber sind es nicht die Weintrinker, die es in der Hand haben, unsere Gesellschaft auf der wichtigsten Ebene zu verbessern? Gebt solchen Menschen eine größere Plattform. Experimentialismus, Andersdenken und Unorthodoxie ist Heilung, denn wenn nichts mehr übrig bleibt, dass man verbrennen könnte, muss man sich eben erstmal selbst anzünden.
Die Rumkugeln des Atheisten
Dezember 19, 2007Weihnachten steht vor der Tür, wie man so wunderbar sagt. Den kleinen Bruder Katholizismus hat die Feiertagszeit zuhause gelassen. Denn wenn man etwas von Disney gelernt hat, dann ist es dass sich doch (fast) keiner dem Weihnachtszauber entziehen können. Und das ist spätestens seit der Kommerzialisierung des Festes kein Wunder – Weihnachten ist längst nicht mehr nur ein Odem der Kirche.
Und zu Weihnachten gehören natürlich auch die üblichen Gaben: Spitzbubenplätzchen, Vanillekipferl, Streußelzeug und Gebäcksdings, Weihrauch, Myrre, Gold und auch Rumkugeln. Bis auf den Weihrauch alles leckere Dinge (man denke nur an Olympia, was das Gold angeht)! Ich mag besonders die Rumkugeln. Sie verkörpern alles, was an Weihnachten so schön und fein ist: Eine Ladung Glückshormone in der Schokolade, die entspannte Trägheit und die trunkene Besinnlichkeit des Rums, außerdem natürlich Streußelzeug. Frisch warm sind sie außerdem schmackhafter als kühlgestellt. Und so hat auch der Nicht-Katholik seine Freude am Fest. Er hat einen universellen Grund, sich zu entspannen, was in der heutigen Zeit oft schon schwierig ist. Man braucht beinahe eine Motivation dazu, entspannt zu sein, was sich ja eigentlich sehr paradox anhört. Weihnachten zwingt einfach zur Niederlassung und zum Abschalten, sei es durch pure, absichtliche Faulheit oder einfach durch die Abgrenzung vom Alltagsgeschehen. Es ist eine Zeit der Vorfreude. Abends sitzt man vorm Kachelofen, oder – romatischer, vorm Fernseher, isst Rumkugeln aus Tupperdosen und freut sich darauf, dass malwieder der meistgefeierte Geburtstag der Welt stattfindet. Direkt danach kann man dem neuen Jahr entgegenblicken und sich Wünsche für Sternschnuppen und fürs nächste Jahr ausdenken.
Und auch wenn man das Wetter von Draußen verteufelt, von Innen erscheint es dafür umso schöner. Warum sonst kommen die meisten Kinder im Sommer zur Welt? Natürlich. Rumkugeln.
Remmidemmi die Erste
Dezember 15, 2007




Unterwegs mit dem Gaul: Friedrich Nietzsches Prophetismus
Dezember 10, 2007
Nietzsche wurde spätestens seit Anfang des 21. Jahrhunderts ziemlich verrissen. Das Klischee seiner letzten, verrückten Sterbejahre geistert durch die Köpfe der Menschen und als Nietzschefreund wird man, gerade im Netz, immer öfter in eine Schublade gesteckt aus der heraus man nicht sonderlich gut diskutieren kann. Natürlich sind gerade diese Nietzscheaner, die damit eigentlich gemeint sind, die häufigste Art von Netzphilosophen. Und meistens sind es auch die sturköpfigsten, was der öffentlichen Diskussion nicht gerade gut tut. Aber Friedrich Nietzsche ist etwas ganz anderes als eine (verehrungswürdige) Person: Er ist ein Lebenswerk. Nicht nur dass er seine Aussagen verkörpert, er lebt auch „aus ihnen hinaus“ und überschreitet die Grenze vom Philosophen zum „Propheten“.
Keineswegs macht ihn das glaubwürdiger, im Gegenteil: Er provoziert damit geradezu seine (wenn auch erhabene) Unglaubwürdigkeit. Er ist eben der „Eisverkäufer“ (Die fröhliche Wissenschaft), dessen Kost – noch – für niemanden greifbar ist. Aber jetzt, eben nach der Überschreitung der Zweitausend-Jahre-Grenze, genau 100 Jahre nach seinem Tod, ist das vielleicht möglich, wo sich seine Furcht vor dem Kommen es Nihilismus zu Bewahrheiten scheint. Sowohl seine Kritik an der Religion, der Moral als auch seine „Principien einer neuen Werthsetzung“ sind aber Heute vorallem Eins: eine Pessimistenbibel. Und durch Ganzkörper-Fehlinterpretationen vielleicht der Grundstock einer ganzen depressiv geprägten Generation, sich auf der einen Seite der Unfähigkeit und fehlenden Stärke bewusst, niemals über sich hinaus schaffen zu können, und auf der Anderen schon nichtmal willig, über das Siechen hinauszukommen. Womit wir wieder beim „Amélie“-Problem wären.
An das Ideal
Wen liebt ich so wie dich, geliebter Schatten!
Ich zog dich an mich, in mich, und seitdem
Ward ich beinah zum Schatten, du zum Leibe.
Nur dass mein Auge unbelehrbar ist,
Gewöhnt, die Dinge außer sich zu sehen:
Ihm bleibst du stets das ew’ge „Außer-mir“.
Ach, dieses Auge bringt mich außer mich!
Lustprinzip
Dezember 9, 2007 ![]()
- Zigaretten: 4,00€
- Essen im American Diner: 4,10€
- Kaffee im Shisha: 2,00€
- Pauschalbier im Stammlokal: 2,80€
- Rolle Alufolie beim REWE: 1,30€
- Snack beim McD : 2,00€
- Eintritt zum Regionalkonzert: 5,00€
- Zweite Schachtel Kippen: 4,00€
- Geldbeutel aufmachen und dabei umgepogt werden: 1,50€
- Durstbier: 2,80€
- Dorfner Geld leihen: 5,00€
- Zum Konzert mit Wikingerhelm aus Alufolie erscheinen: UNBEZAHLBAR
Meine zwei Groschen zur SS-Debatte
Dezember 4, 2007
Das Thema taucht ja nicht erst seit Kurzem auf, aber erst neulich hat der Spiegel wieder einen Artikel zu Emstetten im Angebot gehabt, in dem der psychologische Aspekt der „School Shootings“ beleuchtet wird. „Experten fordern mehr Schulpsychologen zur Früherkennung von Amokläufern“, heißt es im Index. Auch das ist natürlich nichts Neues, aber meiner Meinung nach genau die richtige Herangehensweise.
Grundlegend ist so ein „Amoklauf“ nichts Anderes als ein Mord aus niederen Beweggründen. Er ist in allen bekannten Fällen hinreichend geplant und keine reine Triebtat wie die eines Typus 1-Serienmörders. Zudem richtet er sich nie gegen eine einzelne Person, zumindest nicht hauptsächlich. Oft ist die Tat sogar direkt oder indirekt angekündigt, der Täter hat kein Interesse daran, im Unentdeckten zu bleiben, im Gegenteil: Er will auffallen. Eine Affinität zu Waffen und meist auch ungesichterten Zugang zu ihnen ist vorhanden, den sie benutzen, um Frustration zur Geltung kommen zu lassen.
Genau das ist es, was getan werden muss, nämlich genau das Selbe, was auch in jedem anderen kriminellen Gebiet getan wird: ein Profil erstellen. Anderweitig ist Prävention kaum möglich, wenn man am Schuleingang keine Kevlarwesten verteilen will. Lehrkräfte müssen wissen, wann und wie sie vorgehen sollen, wenn ein Schüler in ein psychisches Grenzgebiet gerät, das als gefährlich eingestuft wird. Um Punktesysteme oder Statistiken geht es nicht, es muss nur früher reagiert werden.
Ich will nicht wissen, wie viele Bots und Seiten hier nur wegen „SS“ im Titel rumfuhrwerken würden, wenn das hier ein häufigbesuchter Blog wäre. Da ist die Aufklärung immens, aber was manche, viel reellere Bedrohungen angeht, ist das wenig bis garnicht der Fall. Und gerade aus dem Grund der absoluten Realität dieser Gefahr (gerade als Schüler) halte ich das Argument „Killerspiele“, das ja im Netz nicht gerade wenig diskutiert wird, für fadenscheinig.
Klar könnte man den Punkt „Killerspiele“ problemlos in die Profilierung einfließen lassen und das wäre auch der Fall, wenn das ganze nur ein wenig handfester wäre und das ist jetzt nicht der Fall. Massenmord ist in psychologischer Hinsicht ein eher mäßig erörtertes Gebiet der forensischen Psychiatrie, gerade wenn es um Prävention (also um die Psyche des zukünftigen Mörders) geht. Aber die Wirkung von Videospielen auf Kinder in Zusammenhang mit Gewalt ist es noch bei weitem weniger. Das Argument ist schlicht überflüssig und sollte in der Politik keinen Platz haben, bis es handfest ist.
Viel wichtiger ist politisch gesehen die direkte Prävention auf dem Papier und die Schulung und Aufklärung von sowohl Lehrern als auch Schülern. Gearbeitet werden muss nicht an der Front der potentiellen Täter, sondern an der der potentiellen Opfer.
„Untersuchungen haben gezeigt, dass in allen bekannten Fällen die Täter bereits im Vorfeld in vielerlei Hinsicht auffällig wurden.“ ; „Diese Jugendlichen stecken oft in extremen Krisensituationen“ ; „Das sind sehr fragile Gestalten, die durch eine brachiale Intervention oft noch tiefer in die Verzweiflung getrieben werden.“
„Brachial interveniert“ werden darf erst zu einem Zeitpunkt, an dem ein baldiger Täter zu hundert Prozent identifiziert ist und dazu reicht ein bloßes Profil nicht, dazu reicht bestenfalls, eben genau wie bei einem begangenen Mord ein Geständnis. Und aus diesem Blickwinkel ist diese Art „Pest der Amokläufer“ kaum etwas Anderes als ein bereits begangener Mord an der Gesellschaft eben dieser Art Menschen, die ein Profil zu ermitteln versuchen würde.
Beatsteaks in München
Dezember 1, 2007Ich habe erst vor zwei Tagen herausgefunden, dass die Beatsteaks eine deutsche Band sind. Aber nachdem mir der Name als solcher, ihre Klassiker und ein paar Lieder die so auf meiner Platte rumschwirren natürlich auch so gut bekannt war, bin ich gestern zusammen mit drei Autos voller pogolustigem Volk nach München gefahren. Erwartungshaltung war nicht gerade besonders hoch, erstens gings mir körperlich nicht sonderlich gut und zweitens kannte ich vorallem das neuste Album so gut wie garnicht. Ich wurde enttäuscht. Ab dem betreten der Zenithhalle (in der ich vor einem Jahr und drei Monaten mein erstes großes Konzert erlebt habe – Farin Urlaub) war es genial. Nicht ganz der Höhenflug von Deichkind und nicht ganz so actionlastig wie damals bei Mr. Urlaub, aber doch sehr ansehnlich. Auch Entertainmentmäßig war der Hauptact erfrischend gut. Die Stimmung war schon aus dem Grund wahnsinn, weil aus dem Konzert ein Live-DVD Mitschnitt gemacht wurde und MTV inklusive riesen Kamerateam anwesend war. Da tat es auch keinen Abbruch, dass die Vorband total Grotte war – der Sänger hat sich doch tatsächlich das Mikrofon gegen den Kopf geschlagen, um darauf das Bluten anzufangen und die erste Reihe damit vollzuspritzen, ich meine, bei Slayer hätte das vielleicht gewirkt, aber nicht bei dieser Art schlechtem Deutschpunk, die „Die Roys“ da produzieren. Aber als die Steaks dann die Bühne betreten haben, begaben sich auch die größten Rumsteher nach vorne und konnten die Füße nicht mehr still halten und Hände schon garnicht.