Archiv für November 2007

Johannes Fightestörk

November 21, 2007

Dies ist Herr FightestörkDas hier ist Herr Fightestörk. In seiner Kindheit verspeiste er sehr gern Janssons Festelse von seiner Mutter und las ein wenig schwedische Märchengeschichten. Weißbrot aß er nur mit Frischkäse und die Kühlschranktür ließ er chronisch offen. Er wurde schnell ein junger Mann und war schon in der Grundschule immer Klassensprecher gewesen. Er machte einen nichtmal schlechten mittleren Schulabschluss und hatte schließlich eine Geschäftsidee mit Schuhen. Schuhe braucht schließlich Jedermann überall, fast wie Taschentücher oder Brillen. Allerdings stellte sich das als Schicksalsschlag heraus, nachdem er die Schuhsohlen ungleich hoch angefertigt hatte und in eine Sammelklage wegen Rückenproblemen verwickelt war. Die Frau, mit der er seit drei Jahren verheiratet war, hielt ihm aber trotz Schulden die Stange und zog mit ihm in den norden Deutschlands, wo er zuerst Mitarbeiter einer Partnervermittlung namens „Schmetterling“ war. Die Arbeit quittierte er aber nach ein paar Wochen wegen schlechter Bezahlung und weil sie ihm nicht männlich genug war. In seiner dreihundertfünfzig Mark teuren Zweieinhalbzimmer-Wohnung ließ er die Kühlschranktür natürlich immer offen und seine Frau musste sie zumachen. Heimlich klaute sie ihm als Rache seinen Zigarettentabak, in der Wohnung durfte sowieso nicht geraucht werden. Herr Fightestörk war aber ein ehrgeiziger Mann und schaffte es nach ein paar Jahren als Schreibkraft und Manager einer Deutschrockgruppe namens „Die Schafe“, deren Sänger sein Jugendfreund Thomas war, eine geräumigere Wohnung zu mieten, in der er sogar rauchen durfte. Er hatte selbst Spaß an der Musik gefunden und kaufte sich ein Schlagzeug, mit dem er in der Garage üben musste. Die Band feierte ein paar kleine Erfolge und trat auf einem Benefizkonzert auf dem Stadtplatz auf, wo es einen Stand mit Janssons Festelse gab, der eigentlich garnicht püriert war. Ein paar Sommer später kam der Gitarrist der Band, sein Spitzname war Sex Pistol, auf die grandiose Idee sich einen lang ersparten Tropenurlaub zu gönnen und holte sich die Gelbsucht. Herr Fightestörk hatte zwar Erfahrung mit dem Schlagzeug, konnte aber keine Gitarre spielen und ein Ersatzmann ließ sich nicht finden, weswegen sich die Gruppe kaum später auflöste. Fightestörk fühlte sich in den Mittvierzigern und mit zwei Töchtern sowieso zu alt um ein Rockstar zu werden. Also versuchte er es erneut mit Schuhen, was seiner Frau garnicht gefiel. Aber es klappte, nachdem er seinen Chef überredet hatte ein paar Arbeitslose für einen netten Stundenlohn draußen als menschliche Schilder stehen zu lassen. Er verdiente anständig und war sich sicher, seine Mutter wäre stolz auf ihn gewesen.
Ein paar Jahre später tat er gut daran, sein Testament verfrüht auf seine Frau und seine erstgeborene Tochter zu schreiben, weil er sich eines durchzechten Abends auf ungeklärte Weise in den Kühlschrank einsperrte und erstickte.
Auf seinem Grabstein in Stockholm steht nur „Johannes Fightestörk“.

Stockholm-Syndrom und Drogen

November 12, 2007

Unter dem Stockholm-Syndrom versteht man ein psychologisches Phänomen, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Dies kann dazu führen, dass das Opfer mit den Tätern sympathisiert. Es kann sogar darin münden, dass Täter und Opfer sich ineinander verlieben oder kooperieren.

Jeden Freitag Abend ist jemand in sein Bier verliebt. Er weiß genau, das es nicht gut für ihn ist, aber er liebt es trotzdem. Er läuft die Bar ab, plärrt „noch’nhellesbitte!“ und blickt in das verärgerte Gesicht des Kellners. „Krischte keens mehr, du hassoch eh schon nen Rausch inna Fotzn!“, wenn er noch altruistisch gestimmt ist oder nicht riskieren will, dass sich ein Kasten Paulaner auf seinem Dielenboden entlädt. Dem Säufer ist speiübel und wenn er an Alkohol denkt glaubt er sein Kopf platzt. Aber aus irgend einem völlig realitätsfremden Grund bestellt er weiter. Eigentlich hat er ja Lust auf noch ein Bier.

Gewissermaßen ja ein Phänomen. Und ich denke gerade dieses Phänomen macht einen Rausch bzw. jede Art von legalen oder illegalen Drogen aus der dritten Perspektive erst interessant. Am Anfang gehts dir gut, dann besser und anschließend gehts steil bergab. Warum überschreitet man diese Grenze immer und immerwieder? Weil man zu doof ist seine Grenzen zu kennen oder zu beeinflusst? Ich glaube irgendwo ist da ein masochistisch motivierter Kick.
Und erst der macht das „Fear and Loathing“-Prinzip positiv statt negativ. Man genießt etwas, das einen zerstört. Stockholm-Syndrom.