Die Verrücktheit des J.B.S. Haldane

Juli 18, 2008 by stylewalker

“Im Allgemeinen heilt das Trommelfell wieder; und wenn darin ein Loch bleibt, ist   man zwar ein wenig schwerhörig, aber dafür kann man Tabakrauch aus dem fraglichen Ohr blasen, und das ist eine soziale Errungenschaft.” John Haldane war in den 20er Jahren Lektor für Biochemie in Cambridge, später Enzymforscher, Psychologie- und Genetikprofessor in London. Er stellte das Haldane-Gesetz auf (das im Groben eigentlich nur besagt, je größer ein Tier ist, desto komplexer muss seine Atmung und sein Sauerstoffkreislauf sein), stellte Parallelen zwischen der Bluterkrankheit und der Farbenblindheit her und war maßgeblich an der “Modernen Synthese” beteiligt. Außerdem war er Darwinist und in den Jahren als der Kommunismus an Popularität gewann und auch ein paar Jahre über die Moskauer Prozesse hinaus rotpolitisch. Aber das ist ehrlichgesagt höchstens am Rande interessant. Denn Haldane stellte einige sehr merkwürdige - und dabei sogar noch produktive - Expiremente an (hauptsächlich in Zusammenarbeit mit seinem Vater John Scott Haldane, die beiden lassen sich biografisch ohnehin nicht auseinander halten.) Sie revolutionierten das Tauchen als wissenschaftliche Nutztätigkeit wie auch den Tauchsport, in dem sie sich Extremsituationen wie einer Kohlenmonoxidvergiftung aussetzten. ” [...] vergiftete er sich selbst systematisch, während er sich ständig Blutproben entnahm und analysierte. Er hörte erst auf, als er die Kontrolle über seine Muskeln fast völlig verloren hatte und sein Blut zu 56 Prozent mit dem Gas gesättigt war.” - Trevor Norton, In unbekannte Tiefen. Sie simulierten auch gefährlich schnelle Druckveränderungen in Tauchkammern, um dabei leichte bis schwere Verletzungen davonzutragen. Angeblich platzten die Zahnplomben Haldanes des Jüngeren einmal bei einem Drucktest, die ihm dann wie Querschläger um die Ohren flogen. Der Ältere dagegen hatte sechs Jahre kein Gefühl im Gesäß und im unteren Rücken, nachdem er einen Test mit Sauerstoffentzug durchgeführt hatte und unter schweren Krämpfen litt, bei denen er sich sogar einige Wirbel brach. Die beiden schreckten ebenso wenig davon zurück, ihre Frauen und später sogar den spanischen Premierminister Juan Négrin in solche Testkammern zu sperren. Die Probanden darin konnten sich nicht einmal verständlich machen, denn die Kammern waren Schalldicht und Isoliert. Auch Stickstoffvergiftungen gehörten in ihr lustiges Programm an wissenschaftlicher Selbstzerstörung. “In einem Versuch wechselte die Versuchsperson zwischen Depression und gehobener Stimmung. Im einen Augenblick verlangte er, dekomprimiert zu werden, weil er sich einfach entsetzlich fühlte, in der nächsten Minute lachte er und versuchte, die Geschicklichkeitsprüfung seiner Kollegen zu stören.” Mythen zufolge bieten Taucher unter einer Stickstoffvergiftung ja auch Fischen ihre Sauerstoffschläuche an oder versuchen sich eine Zigarette anzuzünden. Sie versuchten sogar, diese Tests von Prüfern kontrollieren zu lassen. Allerdings wurden die Prüfer in den Kammern selbst vergiftet und vergaßen dann, ihre Stoppuhren zu drücken oder etwas aufzuschreiben, oder machten stattdessen etwas völlig anderes. Auch hielt J.B.S. Haldane den ersten Weltkrieg “für ein sehr erfreuliches Erlebnis” und räumt ein “dass ihm die Möglichkeit, Menschen zu töten, gefiel…” Selbst wurde er, als fanatischer Soldat, zwei mal verwundet.
Man sieht also eindrucksvoll: Schaltet man mehr als ein halbes Jahrhundert später MTV um Mitternacht ein muss man feststellen, dass die Beiden Wissenschaftler in ihrem Übermut der Unterhaltungskultur wohl leider um einiger Zeit voraus waren. Und das im positivsten Sinne.

Aus den Memoiren des J. Fightestörks

Juni 27, 2008 by stylewalker

Der Sinn des Lebens
Private Auftzeichnung, Juli 1998

»Man kann sein Leben lang lernen und arbeiten und hat am Ende doch nichts erreicht.« sagte mir eine gute Freundin einmal. Diese Aussage zu glauben ist eine Grundsatzentscheidung. Tut man es, ist man ein Träumer oder ein Draufgänger. Friedrich Schiller träumte sein Leben lang von dem ewigen Weiterleben im Geist seiner Werke. Grundsätzlich scheint ihm das durchaus gelungen zu sein. Aber ob Zweihundert Jahre später in unseren Schädeln immer noch der selbe Schiller am Schreibtisch sitzt und verfaulte Äpfel anstarrt wie der damals Lebende, ist eine andere Frage. Träumer findet man überall in der hohen Kunst Dinge zu erschaffen, die andere Menschen empfangen und dann damit machen, was sie eben so damit tun. Sehen, hören, anfassen, damit leben, an ein Kreuz nageln… Menschen formen alles zu einem Kunstwerk, auch sich selbst. Und Nietzsche tut das sogar mit unserer ganzen Gattung. Draufgänger, liebevoll auch Nihilisten, findet man auf beliebigen Parkbänken, aber auch in der nächsten Universität oder im Bundestag. Denn so wirklich mag keiner mehr an die Tugend des reinen Handelns als letzte Sinnlösung glauben. Das konnte man uns weis machen, als wir noch Stahlstangen benutzten, um uns gegenseitig umzubringen. Aber der Mensch ist gewieft und Heute taugt dazu eine vollautomatische Feuerwaffe. Er steht eine Stufe höher bei Gott, und trotzdem versteht er noch immer nicht, was er denn nun mit der Zeit anfangen soll, die ihm auf der Erde geschenkt wurde. Denn mehr als nur die grobe Andeutung eines Sinnes erfahren wir nicht, auch nicht wenn wir glauben unsere Bestimmung in der Welt oder gar eine ganz eigene Welt gefunden zu haben. Was bleibt ist ein fahler Beigeschmack von Depression und Sinnlosigkeit, in etwa so als würde man jetzt noch in Schillers Apfel beißen. Wir denken zu viel und doch gleichsam zu wenig, wenn man bedenkt was die Weltgeschichte an Komödien zu bieten hat. Hat Hamlet den Sinn des Lebens entdeckt, war es Darwin oder vielleicht doch Arthur Dent? Hätte man Jesus Christus oder Mahomet den Propheten fragen sollen und hätten sie eine Antwort gewusst? Möglicherweise kennt eine hawaiianische Haushälterin die Antwort, backt Kekse und lacht sich den ganzen Tag über die Hilflosigkeit der Menschheit schlapp. Irgendwann wird sie alt und nachdem sie genug gelacht hat, schreibt sie alles für die Nachwelt auf. Danach verwertet jemand das Papier wieder und möglicherweise wurde damit diese Seite gedruckt. Möglicherweise ist unser Lebenssinn aber auch viel zu komplexer Natur, um ihn mit einem Gehirn wie dem unseren verstehen zu können. Mutierte Elefanten oder selbstreproduktive Supercomputer wären angesagt. Oder, und das muss zum wesentlichen Amusement Gottes beigetragen haben: Es gibt gar keinen Sinn. Wir könnten infolge eines kosmischen Unfalls entstanden sein oder wir sind ein Exkrement des reinen mathematischen Zufalls.
Die fadenscheinige Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest ist wie ein Weltmeistertitel - nie länger als ein paar Jahre beständig. Es zerbrachen Generationen von Dickköpfen an ihr und nie war das Ergebnis endgültig. Und solang das so ist, gebe ich der Welt folgende Antwort:
Der Sinn des Lebens ist,
(unleserliche Schrift)

Wahlkampf

Juni 16, 2008 by stylewalker

Es sind Wahlen unter dem Meeresspiegel und nur die ältesten und stärksten Tiere kandidieren. Ein gewaltiger Buckelwal, der kategorische Imperativ, besteigt die Rednerbühne. »Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde!«, dröhnt seine Stimme aus dem Bart hervor. »Das ist der Imperativ des Lebens! Wir alle hier - und ich meine wirklich alle - können ein gleichsam schönes und gerechtes Leben führen, wenn wir diesen Grundsatz beachten. Es steht für die Freiheit jedes Einzelnen, dass wir uns alle den gleichen Respekt erweisen und nebeneinander existieren: Nur das Essen, was wir brauchen und uns fortpflanzen, wie es unserer Art bedarf. Nicht mehr, und nicht weniger. Lasst uns einen Schritt für ein leibhaftig gerechtes Zusammenleben im Meer tun. Für die Vernunft und für das Leben!« Als der kategorische Imperativ endet, schwimmt sich ein offensichtlich sehr alter und behäbiger Blauwal seinen Weg zur Bühne frei. Er nimmt Platz und räuspert sich.
»Guten Tag, ich bin der Egoismus. Dankesehr.«

Weltgeschehen vor Ort

Juni 7, 2008 by stylewalker

Ein CSU-Bundestagsabgeordneter namens Ernst Hinsken hat es tatsächlich zustande gebracht, ausgerechnet eine 40.000-Menschen-Vorstadt wie Straubing für einen Tag zum Mittelpunkt der Nation zu machen, wenn Angela Merkel und Nicolas Sarkozy am 9. des Monats ein politisches Dinner for Two betagen.  Weltgeschen vor Ort - so etwas kennt der Straubinger schon seit den Römern nicht mehr richtig. Dementsprechend groß ist auch sowohl die Verwirrung als auch die Spannung.

Das Sekretariat lässt bitten, dass “Schüler möglichst zahlreich erscheinen”, das Tagblatt streicht geistreiches wie “Sie davor warnen, dass ich die Weltherrschaft an mich reißen werde”, die EM-Deutschlandfahnen an den Autoantennen verdoppeln sich schlagartig und Test-Esser schleichen inkognito im “Geiss” herum. Die beiden Staatsoberhäupter wollen sogar einen “Spaziergang über den historischen Stadtplatz” machen. Ob der dann wohl geräumt wird und was ist, wenn Sarkozy eine Ladung Taubenmist auf die Ohren bekommt, während er Merkel antatscht? Das wird ein Fest.

Stellt sich sonst nur eine Frage: Wo bekomme ich den Pass für die Behindertentribüne her?

It never got weird enough for me

Mai 31, 2008 by stylewalker

Alte Leiden des jungen Menschen

Mai 30, 2008 by stylewalker

“One who makes a beast of hisself gets rid of the pain of being human.” (abgeändert)
Ein durchschnittlicher westlicher Mensch denkt immer zuerst auf einer trivialen Ebene. Essen heute Abend, Steuererklärung und neues Auto. Das könnte man genauso gut auf die ganze Menschheit pauschalisieren, wenn man die existentiellen Prioritäten anders setzt. Nur war ich leider noch nie in Nigeria und pauschalisiere auch nicht gerne, auch wenn man nicht davon kommt. Es gibt mehr Kämme als Dinge die man drüber scheren kann. Da unsere grundessentiellen Bedürfnisse befriedigt sind - wie ich annehme, da wir beide Internetzugang haben - setzen wir eben auf Luxus und klotzen statt zu kleckern. Wobei Kleckern den bedürftigen Menschen in Nigeria auch nicht anzuraten wäre.

Wir bewegen uns gesellschaftlich in unüberblickbar vielen Untersystemen, Gesetzen und Werten. Wir, treffend: Hyperboräer, sind Teil eines übergeordneten Systems, das uns gar keine andere Wahl lässt, als unseren eigenen Schwanz zu jagen und in den Tag hinein zu leben. So oft entspricht unsere Gesellschaft genau dem ameisenartigen Stereotypen, der doch keiner von uns sein will. Täglich grüßt der Alltagsmensch in allen Formen und Farben, ohne seinen eigenen Kreislauf jemals verändern zu können. Wir setzem den Individualismus die Krone auf und tragen ihn doch zu Grabe.

Ohne eine Flucht aus eben dieser Trivialität hat der Mensch nie die Möglichkeit, mehr zu werden als das Säugetier mit diesem aufbauenden, aber doch nichts erreichenden Ameisencharakter, das er nun mal ist. Energie verschwindet nicht, also kommt sie irgendwann wieder zu ihrem fiktiven Anfangspunkt zurück. Auch der Mensch als Speerspitze der Evolution scheint sich dem nicht entziehen zu können - weder in dem er Religionen gründet noch Wörter wie “Metaphysik” erfindet.

Deshalb ist unser Verhalten im Grunde ein wenig merkwürdig. Wir wissen nicht, warum wir hier sind oder warum überhaupt irgendwas existiert und trotzdem verweilen wir in unserem trivialen System, nach Sozialversicherungsbeiträgen fragend und Parteien wählend. Unsere Denkstruktur mag also, aus dem einen oder anderen infantilen Standpunkt betrachtet, etwas hinfällig erscheinen - denn was ist trivialer, naheliegender als der Sinn des Seins, sofern man Ist. Aber das stellt grundlegend überhaupt kein Problem dar. Wären wir nicht in der Lage, eben diese Sinnfragen zu stellen!  Ein bisschen machen wir uns alle zur Bestie, und wahrscheinlich wären wir andernfalls auch ein ganz schön depressiver Haufen. Und auch nicht schlauer als vorher.
Das ist also “The pain of being human.” Ganz schön scheiße, oder?

Drogen Heute: Ein Plädoyer gegen den Alkohol

Mai 26, 2008 by stylewalker

Alkohol beschränkt. Nicht, dass das kein anzustrebender Zustand wäre - denn selig sind die Dummen. Dabei von Dauerschäden zu reden wäre, wenn man die Thematik der (vielleicht zu Unrecht) legalisierten Drogen so allgemein anpackt, wohl schon zu weit hergeholt. Aber der Zustand des Alkoholosiert-Seins ansich ist ein Zustand von Geistesbeschränkung. Dem Konsumenten fällt es schwerer, Assoziationen herzustellen, logisch zu denken und mitunter sogar sich klar zu artikulieren. Alkohol ist also klar als bewusstseinsbeschränkende Droge einzuordnen. Hinzu kommt, dass Ethanol giftig und schädlicher als jede andere “weiche” Droge ist. Wie kommt es also, dass die westliche Welt gerade den Alkohol legalisiert und sogar stellenweise als Symbol von Entspannung und Genuss deklariert? Manche gehen sogar so weit, ihn als eine Art Galleonsfigur des Hedonismus zu missbrauchen. Sind wir ein Volk hochintellektueller Philosophen, das die schwere Bürde des sokratischen Nichtbegreifens tragen muss und sich deshalb in die simplen Gefilde des Massenalkoholismus rettet? Oder sind wir gar eine Bande unfreiwilliger Heiliger, die im Alkohol die letzte Möglichkeit sieht, sich mal wieder auszutoben? Ich glaube kaum.

Gegen Drogen zu sein ist falsch, oder vielmehr - Verleumdung. Bewusstseinsverändernde Stoffe waren seit jeher Teil beinahe jeder dokumentierten Kultur und dass wird sich in den nächsten paar Generationen auch nicht ändern. Zumal wir das Glück haben, in einem freien Land zu leben: Es muss ja niemand tun, was er nicht will. Zumindest außerhalb eines Beamtenbüros. Aber dass wir uns ausgerechnet den Alkohol als Instrument des Rausches ausgesucht haben (und dass dieses sich dabei als furchtbar beliebt herausstellt) ist durchaus eine Tragödie.

Denkprobleme sind ja nicht der einzige Makel am Alkohol als Volksdroge: Nicht zuletzt Übelkeit und vorallem Aggressivität gehen mit ihm einher. Übel wird dem Konsumenten, gelinde gesagt, auf so einige Drogen. Aber ich sehe auf der Loveparade oder im Kifferkreis am Baggerweiher proportional weitaus weniger gewaltbereite Menschen als erfahrungsgemäß vor einem Stammlokal oder auf dem Oktoberfest. Kaum eine andere Konsumform macht einen Menschen so affenartig, orientierungslos und gleichzeit so imponiertätig. Noch schlimmer: Das Balzverhalten eines Betrunkenen. Die größten Schritte, die Stimme mit dem meisten Selbstvertrauen und doch ohne die geringste Fähigkeit. Nicht dass der Balz des Menschen ein besonders einfacher wäre, das wissen wir wahrscheinlich alle. Aber ein betrunkener Pfau macht wohl auch nicht die beste Figur.

Es ist schon ein Graus mit dem Alkohol und mich persönlich stört es auch immer öfter. Aber Dinge entwickeln sich eben, vorallem in der Kultur. Prost.

Die Herrlichkeit des Geistes

Mai 19, 2008 by stylewalker

Die Frage der Kunstenthemmung

Mai 3, 2008 by stylewalker

Andrian Kreye nennt es in seinem Kommentar in der Süddeutschen “Das Ende der Tabus”.

Kunst darf alles. Doch jetzt gibt es zwei Grenzfälle: Ein Konzeptkünstler, der einen Freiwilligen sucht, der öffentlich sterben will. Eine Kunststudentin, die sich künstlich befruchten ließ, hat abgetrieben - das abgegangene Gewebe will sie in einer Ausstellung zeigen. Es bleibt mehr als ein schaler Nachgeschmack.

Nach Kreye kann die provozierende und tabubrechende Kunst des 21. Jahrhunderts nur Schaden anrichten. Durch den Bruch mit Konventionen und das thematisieren von Tabus oder moralischen Kontroversen beschwört diese Art von Kunst nur weitere Meinungspolarisierung und Kontroversität herauf. Sie enthemmt weder, noch bringt sie gesellschaftlichen Fortschritt. Kreye sieht die Aufklärung und den Tabubruch als Heute zu weit fortgeschritten an.

Klingt wie ein Schulaufsatz. Ist auch einer. Herr Kreye hat in dem was er schreibt weitgehend Recht. Was bei Beuys anfing und hier vielleicht endet war und ist ebenso essentiell wie gefährlich für die Gesellschaft. Kunst beeinflusst uns als Menschen und als Teil eines sozialen Systems, das Leben unseres ganzen Intellekts also.

Fragt sich nur: Haben wir diese Art von Pionieren nicht schon immer gebraucht, um fortzuschreiten? Moralisch, Werteartig? Oder bringen wir es von alleine auf eine Lösung zum Beispiel in der Suizid- oder in der Abtreibungsfrage? Braucht es radikale Anreize?

Neue Ode an Gottes Würfelei

April 25, 2008 by stylewalker

Was sagt uns die Wahrscheinlichkeit? Alles ist wahrscheinlich. Dementsprechend ist aber auch alles unwahrscheinlich, nachdem es unendlich viele Möglichkeiten von Ereignissen gibt. Das bedeutet wir, das heißt die Menschen, können alles berechnen, ohne auch nur ein sinnvolles Ergebnis zu erhalten. Natürlich haben wir Muster. Ein Apfel fällt auf den Kopf des Physikers. Er fällt, weil Äpfel das so an sich haben. Der Apfel, gerade das einzige aufregende Erlebnis seines Daseins durchlaufend, fällt und trifft anschließend einen fürchterlich ungünstigen Nerv auf der Schädeldecke des Physikers. Dieser taumelt, bricht über seiner neuen Ausgabe der “Principia” zusammen und liegt fortan den Rest seines Lebens im Koma aufgrund eines Hirntraumas. Zugegeben, das ist durchaus unwahrscheinlich, aber möglich. Auch der Zufall ist nicht immer gerecht, obwohl er im großen und ganzen wohl das Gerechteste der Welt ist. Schließlich dürften nach der ziemlich langen Zeit, in der schon Etwas existiert, ziemlich viele Zufälle passiert sein. So viele, dass der Durchschnitt aller Ereignisse weder gut noch schlecht gewesen sein kann. Da hätten wir zum Beispiel den wahrscheinlich größten Zufall in der Geschichte der Existenz: Die Entstehung des Universums. Materie taucht aus dem Nichts auf. Es sei mal dahingestellt, ob nun eine Explosion, ein Mann mit grauem Rauschebart oder ein fliegendes Nudelmonster die Ursache war. Jedenfalls ist es ein ziemlicher Zufall, dass gerade das einzig existierende - oder eben nichtexistierende Ding überhaupt auf die Idee kam, mal eben Alles zu erschaffen. Denn ich stelle es mir nicht gerade rosig vor, für alle Ewigkeiten von irgendwelchen Galaxien und anderen quirligen Objekten umgeben zu sein. Noch viel weniger Sinn macht es wohl, im Sein auch noch Leben zu erschaffen. Leben, das nichts vom Sein begreift und sich, wenn es dazu fähig ist wie im Falle der Menschen, mit der Frage herumschlagen muss, warum denn überhaupt etwas existiert. Doch trotz dieser Unsinnigkeit und entgegen aller Wahrscheinlichkeiten ist es passiert. Schließlich, nachdem das Leben sich aus irgend einem Grund entschloß, sich fortzupflanzen und nicht ganz vier Milliarden Jahre später auf dem Planeten Erde die erste Generation Homo Sapiens zu bilden, fing das Dilemma wahrscheinlich an. Gerade hüpften wir noch von Baum zu Baum, schon entdecken wir beinahe jeden Fleck der Erde, erfinden tausende von Mittel um unser Leben zu verlängern und hocken den lieben langen Tag in Hörsälen oder auf Baustellen um es auszukosten. Nebenbei rotten wir hunderttausende Tierarten aus, streiten uns darüber Was man tun darf und Was nicht und bekriegen uns anschließend. Eigentlich eine aufregendes Leben für eine so junge Spezies. Wir scheinen zumindest hier auf der Erde die wohl erfolgreichste Art von Lebewesen zu sein. Und trotz dieses erheblichen Erfolgs und all der Mühen gelingt es uns nicht, das Wetter korrekt vorherzusagen oder zu bestimmen, warum der Physiker sich genau unter diesen Baum setzt. Der Zufall ist am Ende möglicherweise das unergründlichste Wunder der Welt. So gesehen ist es durchaus ein Wunder, dass wir nicht alle ans Schicksal glauben.